Tante Miesche war eine von diesen Frauen, die man nie vergisst. Ledig geblieben, zwei Kriege überstanden, immer sparsam, immer bescheiden – und trotzdem mit einem Herzen, das größer war als ihr kleines Häuschen. Kinder hatte sie keine, aber dafür eine ganze Schar Nichten, Neffen und deren Kinder, die sie wie ihre eigenen behandelte.
Und weil sie wusste, wie das Leben spielt, hatte sie früh angefangen, sich Gedanken zu machen, wie sie eines Tages etwas Sinnvolles hinterlassen könnte.
Ihre Idee war so ungewöhnlich wie typisch für sie.
Eines Jahres, kurz vor Weihnachten, kaufte sie mehrere große Besteckkästen. Jeder Kasten bekam einen Namen – fein säuberlich mit Klebestreifen und Bleistift geschrieben. Dann stellte sie die Kästen in ein kleines Zimmer im Obergeschoss, das fortan nur noch „dat Besteckzimmer“ genannt wurde.
An Weihnachten begann das Ritual:
Jeder junge Verwandte bekam ein Messer, eine Gabel, einen Löffel, ein Teelöffelchen und ein Kuchengäbelchen aus seinem Kasten. Jahr für Jahr. Immer ein Teil dazu. Immer mit dem gleichen Satz:
„Dat is för dien Aussteuer. Wenn de emol häirots, kannsde dat joot jebrauche.“
Wir Jugendlichen fanden das damals – natürlich – völlig albern. Während andere zu Weihnachten Kassettenrekorder, Parfüm oder neue Jeans bekamen, stapelte sich bei uns das Besteck. Wir nahmen es entgegen, sagten artig Danke und legten es zu Hause achtlos in irgendeine Schublade. Es war halt „typisch Tante Miesche“.
Doch als der Tag kam, an dem unsere geliebte Tante starb, zeigte sich, wie viel Gedanken sie sich wirklich gemacht hatte.
In ihrem handgeschriebenen Testament – in ihrer krakeligen, aber unverkennbaren Schrift – stand:
„Geht hoch in das Zimmer. Schaut nach den Besteckkästen. Wer an Weihnachten oder danach nicht nötig hatte, sein Besteck bei mir abzuholen und mir frohe Weihnachten zu wünschen, der braucht auch sonst nichts.“
Mit einem einzigen Satz hatte sie ihr Barvermögen auf die verteilt, die sich wirklich um sie gekümmert hatten. Nicht aus Berechnung, sondern aus Zuneigung.
Doch damit war sie noch nicht fertig.
Weiter unten im Testament stand:
„Alle sollen sich an einen Tisch setzen. Ein Körbchen in die Mitte. Jeder Zettel und Bleistift.“
Es ging um die Felder und Grundstücke. Jeder sollte aufschreiben, was er dafür bieten würde. Der Höchstbietende bekam das Stück Land – und das Geld wanderte in eine gemeinsame Kasse, aus der später wieder gerecht verteilt wurde. So hatten auch die, die kein eigenes Vermögen hatten, die Chance, etwas zu erben.
Und genauso lief es mit allen Dingen im Haus. Vom Küchenschrank bis zur alten Standuhr, vom Nähkästchen bis zum Wandteller aus dem Westerwald. Nichts wurde weggeworfen. Alles bekam einen Wert – und jeder durfte etwas mitnehmen, das ihm wichtig war. Oder etwas, das er eigentlich gar nicht wollte, aber auf dessen Zettel nun einmal ein Betrag stand.
Am Ende saßen alle da, jeder mit einem kleinen Schatz in der Hand – und mit dem Gefühl, dass Tante Miesche uns noch einmal gezeigt hatte, was ihr im Leben wichtig war: Gerechtigkeit, Zusammenhalt und der Gedanke, dass jeder etwas bekommen sollte, der ihr nahestand.
Und plötzlich war auch das Besteck nicht mehr „doof“.
Es war ein Stück Erinnerung.
Ein Stück Tante Miesche.
Ein Stück Familie.