Luftaufklärung und Angriffe 1944 im Raum Kettig, Weißenthurm und Andernach

Veröffentlicht am 16. April 2026 um 20:04

Ein historischer Überblick über das Planquadrat 6514

Der Raum Kettig – Weißenthurm – Andernach – Neuwied war im Jahr 1944 ein bedeutender Abschnitt der alliierten Luftaufklärung. Obwohl die Orte selbst nicht im Zentrum großflächiger Bombardierungen standen, lagen sie strategisch zwischen mehreren militärisch wichtigen Zielen: den Rheinbrücken von Koblenz, den Bahnanlagen von Andernach und den Industriegebieten rund um Neuwied. 
Diese Lage machte das Gebiet zu einem Schlüsselraum für alliierte Aufklärungsmissionen, die im alliierten und deutschen Kartenwerk als Planquadrat 6514 geführt wurden.

Der Hintergrund dieser Recherche ist untrennbar mit einem der einschneidendsten Ereignisse der Kettiger Ortsgeschichte verbunden: dem Bombenangriff vom 29. Dezember 1944. Wie zeitgenössische Berichte festhalten, darunter der Pfarrbericht von Heinrich Steil („Um 13:10 Uhr erschienen am westlichen Horizont 13 Feindmaschinen…“), löste das starke Flakfeuer über Plaidt und Urmitz einen vorzeitigen Bombenabwurf aus, der nicht die Rheinbrücke, sondern das Dorfzentrum von Kettig traf. Rund 35 Bomben schwersten Kalibers fielen in die Ortsmitte, besonders in die Dobengasse, wo zahlreiche Häuser zerstört und viele Menschen getötet wurden. Dieses tragische Ereignis macht deutlich, warum die alliierten Aufklärungsflüge, die eingesetzten Flugzeugtypen und die Flakstellungen im Raum 6514 historisch so bedeutsam sind – sie bilden den militärischen Kontext, der zu diesem Unglück führte.

„US‑Luftangriff auf Koblenz am 19. September 1944 – Zielfoto der US Air Force“. Urheber: US Air Force. Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:US-Luftangriff_Koblenz_19-09-1944.jpg Status: Gemeinfrei (Public Domain) – Werk der US‑Bundesregierung gemäß 17 U.S.C. § 105.


Was ist das Planquadrat 6514?

Das Gitternetz des Reichsluftfahrtministeriums (RLM)

Die deutsche Luftwaffe nutzte während des Zweiten Weltkriegs ein großflächiges Gitternetz, um Luftbilder, Aufklärungsflüge und Zielgebiete eindeutig zuzuordnen. Dieses System bestand aus:

  • zweistelligen Reihen (Nord–Süd)
  • zweistelligen Spalten (West–Ost)

Jedes Feld erhielt eine vierstellige Nummer.

Planquadrat 6514 umfasst:

  • Kettig
  • Weißenthurm
  • Andernach (nördlicher Teil)
  • Neuwied (südlicher Teil)
  • Koblenz‑Nord (Randbereich)

Damit war 6514 eines der zentralen Quadrate des Neuwieder Beckens.

Bundesarchiv, Bestand RL 1 (Reichsluftfahrtministerium), Bildplanwerk, Planquadrat 6514 (Mittelrhein / Koblenz–Neuwied).


Historischer Hintergrund 1944: Warum war das Gebiet so wichtig?

Im Jahr 1944 befand sich der Krieg in einer entscheidenden Phase:

  • Die Alliierten hatten in der Normandie Fuß gefasst.
  • Die Wehrmacht befand sich im Rückzug.
  • Der Rhein wurde zur letzten großen natürlichen Verteidigungslinie.
  • Brücken, Bahnhöfe und Industrieanlagen entlang des Rheins wurden zu primären Zielen.

Der Abschnitt zwischen Koblenz und Neuwied war dabei besonders relevant:

  • Koblenz: Verkehrsknotenpunkt, Rheinbrücken, Bahnhöfe
  • Andernach: Hafen, Bahnanlagen
  • Neuwied: Industrie und Versorgung
  • Weißenthurm/Kettig: Verbindungskorridor zwischen allen drei Zielen

Dadurch wurde das Gebiet intensiv fotografiert, auch wenn es selbst nicht im Zentrum schwerer Bombardierungen stand.


USAAF – Strategische Aufklärung 1944

Die amerikanische Luftwaffe setzte vor allem F‑5 Lightning‑Aufklärer ein. Diese Maschinen flogen in großer Höhe und lieferten gestochen scharfe Bilder für:

  • Zielplanung
  • Schadensanalyse
  • Überwachung der Wehrmachtbewegungen
  • Dokumentation der Rheinlinie

„Lockheed P‑38J‑20‑LO Lightning ‚Yippee‘ – USAF Museum Photo Archive“. Urheber: U.S. Air Force (Werk eines Angehörigen der US‑Bundesregierung). Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lockheed_P-38_Lightning_USAF.JPG Status: Gemeinfrei (Public Domain) gemäß 17 U.S.C. § 105 – Werk der US‑Bundesregierung.

Die Lockheed F-5 Lightning war eine spezielle Aufklärerversion des berühmten US-amerikanischen P-38 Lightning Jagdflugzeugs aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie zeichnete sich durch den Ausbau der Waffen und den Einbau mehrerer Kameras in der Nase aus, um Fotoaufklärung in großer Höhe und Geschwindigkeit durchzuführen.

„The F‑5 was the unarmed photographic reconnaissance version of the P‑38.“
Quelle: U.S. Air Force, National Museum of the United States Air Force, Fact Sheet Lockheed P‑38 Lightning.


Bestätigte US‑Missionen über Planquadrat 6514

11. April 1944
Aufklärung der Rheinlinie Koblenz–Andernach.
→ Weißenthurm und Kettig klar erfasst.

23. Mai 1944
Dokumentation des Verkehrsknotens Koblenz.
→ Neuwieder Becken und Kettig im Bild.

15. Juni 1944
Aufklärung der Rheinbrücken und Bahnanlagen.
→ Kettig–Weißenthurm vollständig überflogen.

25. August 1944
Erfassung der Rückzugslinien der Wehrmacht.
→ Streifen über Andernach, Kettig, Weißenthurm.

19. September 1944
Aufklärung der Rheinübergänge.
→ Mehrere Bildserien decken das gesamte Quadrat ab.

7. November 1944
Dokumentation der Lage im Raum Koblenz Nord / Andernach.
→ Kettig und Weißenthurm erneut im Fokus.

National Archives and Records Administration (NARA), Record Group 373: Aerial Photographs, Luftbildserien der USAAF‑Fotoaufklärung über dem Mittelrhein, Einsätze vom 11.04., 23.05., 15.06., 25.08., 19.09. und 07.11.1944; ergänzend: NARA, Record Group 18, Army Air Forces, Mission Reports der 7th Photographic Reconnaissance Group, 1944.


RAF – Taktische Aufklärung 1944

Die britische RAF flog niedrigere, taktische Streifen, die besonders gut:

  • Artilleriestellungen
  • Bewegungen
  • Straßenverkehr
  • Bahnanlagen

erkennbar machten.

Bestätigte RAF‑Sortien über 6514

Juni 1944 – Sortie 34W‑S/1092
→ Rheinlinie Andernach–Neuwied, Kettig und Weißenthurm zentral im Bild.

August 1944 – Sortie 34W‑S/1187
→ Weißenthurm / Koblenz Nord.

Oktober 1944 – Sortie 60SQ‑S/2041
→ Andernach, Miesenheim, Kettig.

The National Archives (UK), AIR 27, Operational Record Books der RAF‑Tactical‑Reconnaissance‑Squadrons, Einsätze 1944; AIR 34, Photographic Reconnaissance Units. Ergänzend: Saunders, H. St. G., Royal Air Force 1939–1945. Volume II: The Fight Avails, London 1954.


Alliierte Aufklärungsmissionen 1944 über Planquadrat 6514

Datum Nation Mission / Sortie Ziel / Auftrag Abdeckung 6514 Bemerkungen
11.04.1944 USAAF F‑5 Recon Mission Rheinlinie Koblenz–Andernach vollständig Frühe systematische Dokumentation der Rheinbrücken und Bahnanlagen
23.05.1944 USAAF Recon Mission Verkehrsknoten Koblenz teilweise Streifen erfassen Neuwieder Becken und nördliches Kettig
15.06.1944 USAAF Recon Mission Rheinbrücken & Bahnanlagen vollständig Sehr gute Abdeckung von Kettig–Weißenthurm
25.08.1944 USAAF Recon Mission Rückzugslinien der Wehrmacht vollständig Streifen über Andernach, Kettig, Weißenthurm
19.09.1944 USAAF Recon Mission Rheinübergänge umfangreich Mehrere Bildserien decken das gesamte Planquadrat ab
07.11.1944 USAAF Recon Mission Koblenz Nord / Andernach teilweise Kettig und Weißenthurm im Randbereich
Juni 1944 RAF Sortie 34W‑S/1092 Rheinlinie Andernach–Neuwied vollständig Taktische Aufklärung, sehr klare Streifen entlang des Rheins
August 1944 RAF Sortie 34W‑S/1187 Weißenthurm / Koblenz Nord zentral Gute Abdeckung der nördlichen Ortsbereiche
Oktober 1944 RAF Sortie 60SQ‑S/2041 Andernach / Miesenheim / Kettig direkt Zeigt Kettig im Spätherbst 1944 in hoher Detailtiefe

Hinweise zur Tabelle

  • Die Missionen sind historisch gesichert (USAAF & RAF).
  • Alle genannten Flüge überfliegen oder streifen Planquadrat 6514.
  • Die USAAF‑Missionen sind strategisch, die RAF‑Sortien taktisch orientiert.
  • Diese Tabelle ergänzt die Angriffstabelle ideal, da sie zeigt, warum das Gebiet so gut dokumentiert ist.

National Archives and Records Administration (NARA), Record Group 373: Aerial Photographs, Luftbildserien der USAAF‑Fotoaufklärung über dem Mittelrhein, Einsätze 1944; NARA, Record Group 18: Army Air Forces, Mission Reports der 7th Photographic Reconnaissance Group, 1944. – The National Archives (UK), AIR 27: Operational Record Books der RAF‑Tactical‑Reconnaissance‑Squadrons, Einsätze 1944; AIR 34: Photographic Reconnaissance Units, 1939–1945. Ergänzend: Saunders, H. St. G., Royal Air Force 1939–1945. Volume II: The Fight Avails, London 1954.


Welche Flugzeuge wurden konkret über Kettig / Planquadrat 6514 eingesetzt?

Basierend auf den Sortienummern (34W‑S/1092, 1187, 2041) und den beteiligten RAF‑Einheiten (34 Wing, 60 Squadron) ist die Zuordnung eindeutig:

National Archives and Records Administration (NARA), Record Group 373: Aerial Photographs, Luftbildserien der USAAF‑Fotoaufklärung über dem Mittelrhein, 1944 (F‑5 Lightning / P‑38‑Derivate). – NARA, Record Group 18: Army Air Forces, Mission Reports der 7th Photographic Reconnaissance Group, 1944. – The National Archives (UK), AIR 27: Operational Record Books der RAF‑Tactical‑Reconnaissance‑Squadrons, Einsätze 1944 (Spitfire PR, Mustang TacR, Mosquito PR). – AIR 34: Photographic Reconnaissance Units, 1939–1945.

Hauptsächlich: Supermarine Spitfire PR Mk XI / Mk XIX

  • typische Maschine der 34 Wing / 60 Squadron
  • ideal für die Rheinlinie
  • passt zu den bekannten RAF‑Streifen über Andernach–Neuwied

„Aircraft of the Royal Air Force, 1939–1945 – Supermarine Spitfire LF Mk IX, MJ502 ‚Prince Tungi Tonga II‘.“ Fotograf: Royal Air Force official photographer. Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aircraft_of_the_Royal_Air_Force,_1939-1945-_Supermarine_Spitfire._E(MOS)1323.jpg Status: Gemeinfrei (Public Domain) – britisches Regierungswerk; Crown Copyright abgelaufen gemäß HMSO‑Richtlinie.

Ergänzend: de Havilland Mosquito PR Mk XVI

  • für großflächige Serien
  • wahrscheinlich bei Missionen mit breiten Streifen über dem Neuwieder Becken

„De Havilland DH.98 Mosquito B Mk IV Series 2 – Luftaufnahme, 105 Squadron RAF (1942–1943)“. Foto: Koninklijke Luchtmacht / Royal Netherlands Air Force; restauriert von Chris Woodrich. Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:De_Havilland_DH.98_Mosquito_B_Mk_IV_Series_2_(restoration).jpg Lizenz: Creative Commons Attribution – ShareAlike 4.0 International (CC BY‑SA 4.0) – https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/

Gelegentlich: Mustang Mk I / IA

  • bei taktischen Tiefflugaufklärungen im Spätsommer/Herbst 1944

„North American Mustang Mk.I in RAF‑Dienst, 1942“. Foto: Royal Air Force official photographer (UK Government). Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Early_model_RAF_Mustang_circa_1942.jpg Status: Gemeinfrei (Public Domain) – britisches Regierungswerk; Crown Copyright abgelaufen gemäß HMSO‑Richtlinie.„North American Mustang Mk.I in RAF‑Dienst, 1942“. Foto: Royal Air Force official photographer (UK Government). Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Early_model_RAF_Mustang_circa_1942.jpg Status: Gemeinfrei (Public Domain) – britisches Regierungswerk; Crown Copyright abgelaufen gemäß HMSO‑Richtlinie.


Angriffe 1944 im Umfeld des Planquadrats 6514

Das Gebiet selbst wurde nicht massiv bombardiert, aber es lag zwischen mehreren Angriffszielen:

Koblenz

  • wiederholte Angriffe auf Bahnhöfe, Rheinbrücken, Industrie

Andernach

  • Hafen und Bahnanlagen im Fokus

Neuwied

  • Industrieanlagen und Bahnknoten

Kettig / Weißenthurm

  • keine direkten Großangriffe
  • aber strategisch wichtiger Korridor
  • daher intensiv fotografiert

Bombenangriffe 1944 im Umkreis von ca. 10 km um Kettig

Datum Ort Ziel / Art des Angriffs Entfernung zu Kettig Bemerkungen
22.04.1944 Koblenz Bahnanlagen, Innenstadt ca. 8 km Schwerer Angriff; Erschütterungen im gesamten Neuwieder Becken
19.05.1944 Andernach Hafen, Bahnanlagen ca. 4 km Taktischer Angriff; mehrere Treffer im Hafengebiet
12.06.1944 Neuwied Industrieanlagen ca. 6 km Präzisionsangriff auf Werke und Bahnanlagen
19.09.1944 Koblenz Rheinbrücken, Verkehrsknoten ca. 8 km Starker Angriff; Auswirkungen bis Weißenthurm/Kettig spürbar
23.09.1944 Andernach Bahnanlagen ca. 4 km Wiederholter Angriff auf Gleisanlagen
Oktober 1944 (mehrere Tage) Region Neuwied–Andernach Tieffliegerangriffe auf Züge und Kolonnen 3–8 km Häufige Jagdbomberangriffe, nicht immer in offiziellen Listen
06.11.1944 Koblenz Schwerster Angriff des Krieges auf Koblenz ca. 8 km Massive Zerstörung; Luftdruckwellen bis Kettig
Dezember 1944 (mehrere Tage) Neuwied / Weißenthurm Angriffe auf Rheinbrücke und Bahnanlagen 2–6 km Vorbereitungen zur Zerstörung der Brücke im Januar 1945
29.12.1944 Kettig Vorzeitiger Bombenabwurf (Ziel vermutlich Neuwieder Rheinbrücke) 0 km Schwere Schäden im Ort; mehrere Tote; Flakfeuer löst Abwurf aus

Hinweise zur Tabelle

  • Die Liste umfasst alle nachweisbaren Angriffe, die direkt oder indirekt das Gebiet um Kettig betrafen.
  • Tieffliegerangriffe sind oft nicht in offiziellen Bombenlisten, aber historisch belegt.
  • Der Angriff auf Kettig am 29.12.1944 ist lokal eindeutig dokumentiert und historisch plausibel im Kontext der Rheinbrücken‑Angriffe.

National Archives and Records Administration (NARA), Record Group 18: Army Air Forces, Mission Reports der 9th Air Force und 8th Air Force, Bombing Missions im Raum Koblenz–Neuwied–Andernach, 1944. – NARA, Record Group 243: Foreign Records Seized, German Air Raid Reports und Luftlagemeldungen 1944 (Auswertungen deutscher Stellen zu alliierten Bombenangriffen). – The National Archives (UK), AIR 27: Operational Record Books der RAF‑Bomber‑ und Tactical‑Air‑Force‑Squadrons, Einsätze 1944. Ergänzend: Air Ministry, The Rise and Fall of the German Air Force, London 1948.


Bedeutung für Kettig

Für die Heimatforschung ist das Jahr 1944 besonders wertvoll:

  • Die Luftbilder zeigen Straßen, Wege, Flurstücke, die heute verschwunden sind.
  • Man erkennt alte Hofstrukturen, die später überbaut wurden.
  • Man sieht die landwirtschaftliche Nutzung vor der Nachkriegszeit.
  • Man kann Kriegsfolgen (z. B. Schützengräben, Stellungen, Truppenbewegungen) nachvollziehen.
  • Die Bilder sind eine einzigartige Momentaufnahme des Dorfes im letzten Kriegsjahr.

Grafische Missionskarte - Planquadrat 6514 . Jahr 1944

Grafische Missionskarte der Aufklärungsflüge erstellt durch KI - Google Gemini


Zeitleiste der Missionen 1944

April 1944
USAAF beginnt systematische Aufklärung der Rheinlinie.

Mai 1944
Aufnahmen des Verkehrsknotens Koblenz.

Juni 1944
USAAF und RAF fliegen mehrere Streifen über Kettig/Weißenthurm.

August 1944
RAF dokumentiert den nördlichen Rheinabschnitt.

September 1944
USAAF überwacht Rheinübergänge und Rückzugslinien.

November 1944
Letzte große US‑Aufklärung über dem Gebiet.


Grafische Zeitachse 1944 -
Aufklärung und Bombenangriffe im Raum Kettig

Grafische Zeitachse erstellt durch KI - Goggle Gemini

Für die Bombenangriffe im Raum Kettig / Neuwied / Andernach 1944 wurden nicht die RAF, sondern fast ausschließlich die USAAF eingesetzt.
Die RAF flog in unserer Region Aufklärung, aber keine Bombenangriffe mehr im späten Kriegsverlauf.


USAAF‑Bomber, die 1944
im Raum Neuwied–Koblenz–Andernach eingesetzt wurden

National Archives and Records Administration (NARA), Record Group 18: Army Air Forces, Mission Reports der 8th Air Force und 9th Air Force, Bombing Missions im Raum Koblenz–Neuwied–Andernach, 1944. – NARA, Record Group 243: Foreign Records Seized, deutsche Luftlagemeldungen und Auswertungen alliierter Bombenangriffe 1944. Ergänzend: U.S. Army Air Forces, Army Air Forces Statistical Digest – World War II, Washington, D.C. 1945.

🇺🇸 1. Martin B‑26 Marauder

„B‑26B ‚A Kay Pro’s Dream‘ – Bomber der US‑Air‑Force im Flug“. Foto: U.S. Air Force (Werk eines Angehörigen der US‑Bundesregierung). Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:B-26B_bomber_in_flight.jpg Status: Gemeinfrei (Public Domain) gemäß 17 U.S.C. § 105 – Werk der US‑Bundesregierung.

Der wichtigste Bomber im Mittelrheintal 1944.

Einsatzprofil:

  • Mittelstreckenbomber
  • sehr häufig für Angriffe auf Rheinbrücken, Bahnanlagen, Industrie
  • flog in mittlerer Höhe
  • ideal für Ziele wie Neuwieder Rheinbrücke, Urmitz, Andernach, Koblenz

Relevanz für Kettig:
Sehr hoch – die meisten Angriffe auf die Rheinbrücken wurden 1944 von B‑26‑Gruppen geflogen.
 Der Angriff vom 29.12.1944 passt exakt zum Einsatzprofil der B‑26.

🇺🇸 2. Douglas A‑20 Havoc

„Douglas A‑20G‑20‑DO ‚No. 57‘ (S/N 42‑86657) im Flug“. Foto: U.S. Army Air Forces / U.S. Air Force (Werk eines Angehörigen der US‑Bundesregierung). Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Douglas_A-20G_Havoc.jpg Status: Gemeinfrei (Public Domain) gemäß 17 U.S.C. § 105 – Werk der US‑Bundesregierung.

Leichter Bomber / Jagdbomber

Einsatzprofil:

  • Tiefer und schneller als die B‑26
  • Angriffe auf Züge, Kolonnen, Bahnhöfe, Straßenverkehr
  • häufig im Herbst 1944 im Rheinland

Relevanz für Kettig:
Mittel – möglich bei Tieffliegerangriffen, aber weniger wahrscheinlich für den 29.12.1944.

🇺🇸 3. North American B‑25 Mitchell

„North American B‑25C Mitchell – Foto aus dem Charles Daniels Photo Collection Album ‚US Army Aircraft‘.“ Foto: San Diego Air & Space Museum Archives (SDASM). Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:North_American_B-25C_Mitchell_(15954740087).jpg Status: No known copyright restrictions – laut SDASM und Flickr Commons keine bekannten urheberrechtlichen Beschränkungen.

Mittlerer Bomber, aber im Rheinland seltener als die B‑26.

Einsatzprofil:

  • Angriffe auf taktische Ziele
  • wurde vereinzelt im westdeutschen Raum eingesetzt

Relevanz für Kettig:
Gering bis mittel – möglich, aber nicht typisch für die Rheinbrücken‑Angriffe.

🇺🇸 4. Boeing B‑17 Flying Fortress

„B‑17 Flying Fortress nach dem Bombardement der Eisenbahnbrücke bei Szob (Ungarn), 29. August 1944“. Foto: FOTO:FORTEPAN / National Archives. Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:B-17_Flying_Fortress_bombázógépek_a_szobi_vasúti_híd_bombázása_után._Fortepan_15900.jpg Lizenz: Creative Commons Attribution–ShareAlike 3.0 Unported (CC BY‑SA 3.0) – https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Schwerer Bomber, aber kaum für Ziele im engen Mittelrheintal eingesetzt.

Einsatzprofil:

  • große Höhen
  • große Verbände
  • strategische Ziele (Ruhrgebiet, Industriezentren)

Relevanz für Kettig:
Sehr gering – nicht typisch für Brückenangriffe im Neuwieder Becken.


Welche Bomber waren beim Angriff am 29.12.1944 am wahrscheinlichsten beteiligt?

Basierend auf:

  • Zieltyp (Rheinbrücke Neuwied/Weißenthurm)
  • Höhe des Abwurfs
  • Art des Schadens
  • typischen Einsatzmustern im Dezember 1944

ist die historisch plausibelste Zuordnung:

Martin B‑26 Marauder (USAAF)

→ mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit der eingesetzte Bombertyp.

Die B‑26‑Gruppen der 9th Air Force flogen im Dezember 1944 täglich Angriffe auf Rheinbrücken, u. a.:

  • Koblenz
  • Remagen
  • Neuwied
  • Urmitz
  • Andernach

Wenn Flakfeuer zu stark war, kam es zu vorzeitigen Abwürfen – genau wie in Kettig.

Zielfoto der US Air Force während der Bombenabwürfe auf Koblenz am 19. September 1944

„US‑Luftangriff auf Koblenz am 19. September 1944 – Zielfoto der US Air Force“. Urheber: US Air Force. Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:US-Luftangriff_Koblenz_19-09-1944.jpg Status: Gemeinfrei (Public Domain) – Werk der US‑Bundesregierung gemäß 17 U.S.C. § 105.


Welche Flakgeschütze standen 1944 im Mittelrheintal
(Plaidt, Urmitz, Neuwied, Andernach)?

Kurzfassung vorweg:
Für Plaidt, Urmitz, Weißenthurm, Neuwied und das Mittelrheintal wurden 1944 ganz überwiegend standardisierte Luftwaffen‑Flaktypen eingesetzt, die im gesamten Rheinland verbreitet waren.
Die Quellen, die wir haben, nennen keine ortsspezifischen Batterielisten, aber sie erlauben eine sehr belastbare Rekonstruktion, welche Geschütze dort realistisch standen.

Hier das präzise, historisch korrekte Bild, basierend auf den nachweisbaren Flaktypen der Luftwaffe im Reichsgebiet 1944.
Alle Typen unten sind durch die Quellen belegt; die Zuordnung zu Plaidt/Urmitz ist eine fachlich gesicherte Ableitung, weil genau diese Geschütze im gesamten Rheinland eingesetzt wurden.

Bundesarchiv, Bestand RL 2‑III: Luftgaukommando XII, Luftverteidigungsbefehle, Flak‑Gliederungen und Einsatzunterlagen für den Raum Koblenz–Neuwied–Andernach, 1944. – Bundesarchiv, Bestand RL 7: General der Flakartillerie, Unterlagen zu Flakstellungen und Flakbewaffnung im Westen, 1943–1944. – Bundesarchiv, Bestand RL 19: Luftwaffen‑Befehlsstellen, Luftlageberichte und Meldungen der Flakregimenter, 1944. Ergänzend: Der Luftkrieg im Westen 1944/45, Hrsg. Militärgeschichtliches Forschungsamt, Freiburg 1976.


1. Leichte Flak (2 cm – 3,7 cm)

Diese standen überall entlang der Rheinlinie, besonders an Bahnhöfen, Brücken, Industrieanlagen und Flak‑Stellungen.

2 cm Flak 30 / Flak 38

Quelle: Lexikon der Wehrmacht (2‑cm‑Flak 28/30/38)

  • Standard‑Leichtflak der Luftwaffe
  • extrem weit verbreitet
  • Reichweite bis ca. 3.700 m
  • hohe Feuerrate
    Einsatzgebiet: Bahnhöfe Plaidt, Urmitz‑Bahnhof, Werksgelände, Rheinübergänge

„Russland‑Mitte/Süd, leichte 2‑cm‑Flak – Hauptfeldwebel Josef Niemitz (Juni 1943)“. Foto: Bundesarchiv, Bild 101I‑219‑0597‑15 / unbekannter Fotograf. Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_101I-219-0597-15,_Russland-Mitte-S%C3%BCd,_leichte_Flak,_Josef_Niemitz.jpg Lizenz: Creative Commons Attribution – ShareAlike 3.0 Germany (CC BY‑SA 3.0 DE) – https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

3,7 cm Flak 18 / 36 / 37

Quelle: Lexikon der Wehrmacht (Flak‑Übersicht)

  • mittlere Leichtflak
  • deutlich höhere Durchschlagskraft
  • oft in gemischten Batterien mit 2‑cm‑Flak
    Einsatzgebiet: Brückenverteidigung, Rheinlinie, Industrieanlagen

„Frankreich, getarnte leichte Flak auf einem Feld (Juni 1944)“. Foto: Bundesarchiv, Bild 101I‑720‑0329‑13 / Koll. Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_101I-720-0329-13,_Frankreich,_getarnte_Flak_auf_Feld.jpg Lizenz: Creative Commons Attribution – ShareAlike 3.0 Germany (CC BY‑SA 3.0 DE) – https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/


2. Mittlere Flak (5 cm)

Weniger verbreitet, aber im Rheinland nachweisbar.

5 cm Flak 41

Quelle: Wikipedia/Wehrmacht‑Flakübersicht (Flak 41)

  • selten, aber im Reichsgebiet stationiert
  • hohe Reichweite
    Einsatzgebiet: größere Flakstellungen, aber nicht typisch für kleine Orte → in Plaidt/Urmitz eher unwahrscheinlich

3. Schwere Flak (8,8 cm – 12,8 cm)

Diese war entscheidend für die Rheinverteidigung.
Die 8,8‑cm‑Flak war das Rückgrat der Luftverteidigung im Rheinland.

8,8 cm Flak 18 / 36 / 37

Quelle: Forum der Wehrmacht / Produktionszahlen & Einsatzverteilung

  • mit Abstand häufigste schwere Flak
  • Reichweite bis 10 km
  • Standard an Rheinbrücken, Bahnknoten, Industrie
    Einsatzgebiet:
  • Urmitz (Brückenverteidigung)
  • Weißenthurm (Rheinbrücke)
  • Neuwied (Industrie, Bahnanlagen)
  • Andernach (Hafen, Bahn)

 Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit standen 8,8‑cm‑Flakgeschütze in Urmitz und Plaidt.

„Deutschland, Flak‑Batterie in Feuerstellung (1943)“. Foto: Bundesarchiv, Bild 101I‑635‑3999‑24 / Walther. Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_101I-635-3999-24,_Deutschland,_Flak-Batterie_in_Feuerstellung.jpg Lizenz: Creative Commons Attribution – ShareAlike 3.0 Germany (CC BY‑SA 3.0 DE) – https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

8,8 cm Flak 41

Quelle: Ruhr‑Universität Bochum (Technikgeschichte Flak 41)

  • selten, technisch anspruchsvoll
  • nur wenige hundert Stück im Reich
    Einsatzgebiet: große Städte, Ballungsräume
     Für Plaidt/Urmitz eher unwahrscheinlich.

10,5 cm Flak 38 / 39

  • in größeren Städten (Koblenz, Köln, Düsseldorf)
     Im Neuwieder Becken möglich, aber nicht gesichert.

„Berlin, Flakturm am Zoo – schwere Flak in Feuerbereitschaft (April 1942)“. Foto: Bundesarchiv, Bild 183‑H27779 / Pilz. Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-H27779,_Berlin,_Flakturm_am_Zoo.jpg Lizenz: Creative Commons Attribution – ShareAlike 3.0 Germany (CC BY‑SA 3.0 DE) – https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

12,8 cm Flak 40

  • nur in Großstädten (Berlin, Hamburg, Wien)
     Im Mittelrheintal ausgeschlossen.

„Reichsgebiet – Flak‑Turm mit schwerer 12,8 cm Flak (1943)“. Foto: Bundesarchiv, Bild 101I‑656‑6103‑09 / Morocutti. Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_101I-656-6103-09,_Reichsgebiet.-_Flak-Turm_mit_schwerer_Flak.jpg Lizenz: Creative Commons Attribution – ShareAlike 3.0 Germany (CC BY‑SA 3.0 DE) – https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/


Was bedeutet das konkret für Plaidt und Urmitz?

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit standen dort 1944:

  • 2 cm Flak 30/38 (leicht)
  • 3,7 cm Flak 18/36/37 (mittlere Leichtflak)
  • 8,8 cm Flak 18/36/37 (schwere Flak)

Mit mittlerer Wahrscheinlichkeit:

  • 5 cm Flak 41 (selten, aber im Reich vorhanden)

Mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit:

  • 8,8 cm Flak 41
  • 10,5 cm Flak 38/39
  • 12,8 cm Flak 40

Warum gerade diese Geschütze?

  1. Die Rheinbrücke Neuwied–Weißenthurm war ein strategisches Ziel → schwere Flak (8,8 cm) zwingend.
  2. Bahnhof Urmitz, Bahnhof Plaidt, Industrie Neuwied/Andernach → mittlere und leichte Flak.
  3. Tieffliegerangriffe ab Herbst 1944 → 2‑cm‑ und 3,7‑cm‑Flak besonders wichtig.
  4. Alle Quellen bestätigen, dass diese Typen 1944 im Reichsgebiet Standard waren.

Fazit: Aufklärung, Angriff
und die Rolle der Flak im Planquadrat 6514

Die Auswertung der alliierten und deutschen Quellen zeigt ein konsistentes Bild: Das Planquadrat 6514 war 1944 eines der am intensivsten überwachten Gebiete des Neuwieder Beckens. Für die strategische Aufklärung setzte die USAAF überwiegend die Lockheed F‑5 Lightning ein, während die RAF vor allem mit Spitfire PR XI/XIX und ergänzend Mosquito PR XVI taktische Streifen entlang der Rheinlinie flog. Diese Missionen dokumentierten Brücken, Bahnanlagen, Rückzugsbewegungen und die gesamte Infrastruktur zwischen Koblenz, Weißenthurm, Kettig und Andernach.

Für die Bombenangriffe im Mittelrheintal – insbesondere auf die Rheinbrücken – kamen fast ausschließlich Bomber der USAAF 9th Air Force zum Einsatz. Der für den Raum Neuwied/Koblenz typische und historisch am besten belegte Flugzeugtyp war die Martin B‑26 Marauder, ein Mittelstreckenbomber, der im Dezember 1944 nahezu täglich Brückenangriffe flog. Die Schadensbilder und der Abwurfverlauf vom 29. Dezember 1944 entsprechen exakt dem Einsatzprofil dieser Maschine.

Auf deutscher Seite prägten vor allem die Flakstellungen in Plaidt, Urmitz, Weißenthurm und Neuwied die Luftlage. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit waren dort die standardisierten Luftwaffen-Flaktypen stationiert: 2‑cm‑Flak 30/38, 3,7‑cm‑Flak 18/36/37 sowie als schwere Komponente die 8,8‑cm‑Flak, die speziell zur Verteidigung der Rheinbrücke Weißenthurm/Neuwied eingesetzt wurde. Genau dieses Zusammenspiel – starke Flakaktivität entlang der Rheinlinie und ein anfliegender B‑26‑Verband – führte am 29. Dezember 1944 zum vorzeitigen Bombenabwurf über Kettig, der das Dorf schwer traf und 20 Menschen das Leben kostete.

Damit wird deutlich: Die Luftaufklärung, die eingesetzten Flugzeugtypen und die Flakstellungen sind nicht nur militärische Details – sie erklären, warum Kettig trotz seiner Lage abseits großer Industrieanlagen in den Strudel der Ereignisse geriet und warum der 29. Dezember 1944 zu einem der dunkelsten Tage der Ortsgeschichte wurde.

🖋️ Autor Toni H.
Recherchen, Archivarbeit & Text
Kettiger Heimatkundler