Der Tag, an dem es Bomben regnete

Veröffentlicht am 16. April 2026 um 22:14

Das Weihnachtsfest lag erst wenige Tage zurück. Freitag, der 29. Dezember 1944 begann wie ein Wintertag, der inmitten des Krieges fast beruhigend normal wirkte. Die Sonne stand über einem leicht bewölkten Himmel, in der Nacht hatte es gefroren. Viele Menschen glaubten, das Ende des Krieges könne nicht mehr fern sein. Die Rheinbrücken bei Neuwied und Urmitz standen noch – angeschlagen, aber unversehrt. 
Nach dem Mittagessen wollten die Kinder wie gewohnt hinaus: spielen auf der Straße oder Schlittschuhlaufen auf dem Weiher am Weidenheim. Die Mütter ließen sie guten Gewissens ziehen. Niemand ahnte, dass sich das Leben des Dorfes in wenigen Minuten für immer verändern würde.

Nach dem Mittagessen wollten die Kinder wie gewohnt hinaus: spielen auf der Straße oder Schlittschuhlaufen auf dem Weiher am Weidenheim. Die Mütter ließen sie guten Gewissens ziehen. Niemand ahnte, dass sich das Leben des Dorfes in wenigen Minuten für immer verändern würde.

Drei Jungen – Jakob Hoffmann, Rudi Schmorleiz (Mattesse) und Alfons Zervas – waren gerade auf dem Weg zum Weiher, als sie das Herannahen von Flugzeugmotoren hörten. Ein Geräusch, das man kannte, aber nie ignorieren konnte. Sie rannten zurück ins Dorf.

Über Plaidt und Urmitz begann das Abwehrfeuer der Flak. Die Bomber warfen ihre Last ab – nicht auf Kettig gezielt, sondern auf die Rheinbrücke. Doch die Bomben fielen mitten ins Dorf.

Die Jungen suchten Schutz:
Jakob und Rudi im kleinen Heiligenhäuschen an der Ecke Züllstraße/Bachstraße,
Alfons hinter einer Gartenmauer.

Dann kam der Einschlag.
Das Kapellchen wurde zerstört. Jakob überlebte nicht, Rudi wurde schwer verletzt geborgen, Alfons blieb wie durch ein Wunder unverletzt.

Während des etwa zehn Minuten dauernden Bombenhagels, der den Menschen wie eine Ewigkeit vorkam, rannten aufgebrachte Mütter durch die Straßen, riefen verzweifelt nach ihren Kindern, suchten, stolperten, weinten. Kinder irrten verstört umher, unfähig zu begreifen, was geschehen war.

Am schlimmsten traf es die Dobengasse.
Die Gastwirtschaft „Zur blauen Traube“ erhielt einen Volltreffer. Die Explosion war so gewaltig, dass ein großes Eisentor bis zum Haus von Josef Kronewald („Jüngling“) geschleudert wurde und ein schwerer Eisenträger bis zur Bachstraße flog.

Und mitten in diesem Chaos erzählte man sich später etwas, das so unglaublich klang, dass es sich tief ins Dorfgedächtnis eingebrannt hat:

Auf den Trümmern des völlig zerstörten Hauses Frein stand – völlig unversehrt – eine Kuh.

Blökend, verwirrt, aber lebendig.

Viele im Dorf schworen, sie hätten es selbst gesehen.

Werner ergänzte später:

„Wenn ich dat richtig in Erinnerung han, dann floch die Kuh durch den Druck der Bombe op dat Scheunendach von de Familie Fink – früher Schmorleiz – un is dann do ruff jeland.“

Eine Szene, die so unwirklich war, dass sie inmitten all des Schreckens fast wie ein Moment stiller Absurdität wirkte.

Ein Bild, das man nie vergisst:

Trümmer, Rauch – und oben drauf eine Kuh, die nicht begreifen konnte, wie sie dort hingekommen war.

Sophie Ost („Ruts“) wurde unter Trümmern gefunden, erschlagen von einstürzenden Mauerteilen des Nachbarhauses Frein.

Auch Alois Hillesheim („Pizze“) aus der Neugasse wurde schwer getroffen. Er glaubte, die Bomben würden bei der Kirche einschlagen – doch auf der Hauptstraße wurde er von einer Explosion erfasst. Er starb wenige Tage später an seinen Verletzungen.

Trauer, Entsetzen und Fassungslosigkeit legten sich über den Ort.
Unter den Toten waren viele Mütter und Kinder.


Der Bericht des Pfarrers

Pfarrer Heinrich Steil hielt den Tag fest:

„Um 13:10 Uhr erschienen am westlichen Horizont 13 Feindmaschinen mit Kurs auf Kettig.
Sofort setzte das Abwehrfeuer der Flak in Plaidt und Urmitz ein.
Das führende Flugzeug wurde in Brand geschossen.
Das Geschwader machte eine Rechtswendung und überflog den Ortskern von Kettig, wo es sich der tödlichen Fracht entledigte.
Es fielen ca. 35 Bomben schwersten Kalibers in die Ortsmitte, wobei die Dobengasse die meisten Treffer erhielt.“


Die Opfer

An diesem Tag starben 20 Menschen, vom 87‑jährigen bis zum einjährigen Kind:

  • Weiler Katharina – 87
  • Hommer Katharina – 78
  • Kronewald Nikolaus – 76
  • Dott Engelbert – 71
  • Kohl Katharina – 57
  • Kronewald Heinrich – 50
  • Ost Sofia – 44
  • Engel Anton – 40
  • Krieger Hilde – 39
  • Rösch Simon – 38
  • Leidig Paula – 38
  • Flöck Agnes – 32
  • Mader Gertrud – 29
  • Hillesheim Alois – 26
  • Präder Hermann – 16
  • Jakob Hoffmann – 15
  • Mader Paul – 6
  • Krieger Herbert – 4
  • Schmorleiz Herbert – 2
  • Mees Pauline – 1

Viele weitere wurden schwer verletzt, darunter Bewohner der Holzgasse, Bachstraße und Hauptstraße.
Insgesamt erlitten rund 80 Menschen leichte bis mittlere Verletzungen.


Die Zerstörung

Nach dem Abzug der Staubwolken zeigte sich das Ausmaß:

  • Industrie: 1 schwer beschädigt
  • Öffentliche Gebäude: 1 schwer, 2 leicht beschädigt
  • Kirche: schwer beschädigt
  • Wohnhäuser: 25 total zerstört, 15 schwer, 40 mittelschwer, 170 leicht beschädigt
  • Landwirtschaftliche Gebäude: 15 total, 8 schwer, 10 mittelschwer, 40 leicht beschädigt

Auch Vieh, Mobiliar und Kleidung wurden vernichtet.
Der Schaden lag bei 400.000–425.000 Reichsmark. An Großvieh wurden drei Ochsen, sechs Kühe, drei Pferde, desweiteren: sechs Schweine und ein Schaf getötet.

Quellen: Pfarrarchiv Kettig und Aussagen älterer Bürger aus Kettig


Ein Tag, der Kettig veränderte

Das Bombardement galt nicht Kettig – es galt der Rheinbrücke.
Doch das Dorf wurde getroffen, mitten ins Herz.

Der 29. Dezember 1944 wurde zu einem Tag, der sich unauslöschlich in das Gedächtnis der Gemeinde einbrannte.
Ein Tag, an dem Hoffnung, Alltag und Unschuld in wenigen Minuten verloren gingen.

Quelle: Protokoll der Kettiger Heimatkundler vom 04.12.2019.
Redaktionelle Bearbeitung und Erweiterungen: Toni H.