Wie mir gruß jewore sinn – janz ohne Helikopter

Veröffentlicht am 5. September 2026 um 20:06

Wenn man heute sieht, wie Eltern ihre Kinder mit GPS‑Tracker, Handy‑Dauerüberwachung und Notfall-App begleiten, kann man nur schmunzeln.
"Fröher jov et dat nit." Wir hatten keine Helikoptereltern – höchstens mal eine Mutter, die durchs Küchenfenster rief:

„Wo treifste dich röm? Et Esse is fäddich!“

Kam ein blauer Brief aus der Schule, dann hieß es nicht „Wir müssen reden“, sondern schlicht:

„Bat soll dat???“

Hatte man in der Schule Schiss jebaut, gab’s keinen Elternbeirat, keine Anwaltandrohung, keine pädagogische Großoffensive. Nur den Satz:

„Do giehtste dich jetz entschuldije.“

Und wenn man jammerte, kam der Klassiker:

„Dat häsde bestömmt verdient.“

Wehwehchen? Ab zur Schwester Barnaba

Und hatten wir mal ein Wehwehchen, wurde nicht direkt der Krankenwagen gerufen. Nein – dann ging es zu Schwester Barnaba ins Schwesternhaus in der Schnürstraße.

Die hatte irgendeine Jodtinktur, die so brannte, dass man meinte, der Fuß würde gleich von alleine weglaufen. Sie schmierte das Zeug drauf, sagte ein freundliches:

„Dat würd widder.“

Und das war’s.

Kindheit zwischen Böschweiher, Wäldchen und Flutgraben

Trotzdem – oder gerade deswegen – hatten wir eine abenteuerliche, spannende Kindheit, die man heute keinem Kind mehr erlauben würde.

Wir gingen im Büschweiher schwimmen, obwohl jeder davor warnte und es eigentlich verboten war.

Wir bauten im Kettijer Wäldchen unsere Unterschlüpfe – kleine Festungen aus Ästen und Blechplatten. Die „Gangs“ aus Oberdorf und Unterdorf zerstörten sich diese gegenseitig regelmäßig. Das gehörte dazu. Keiner war beleidigt – man baute einfach neu.

Im heutigen Flutgraben, damals eine Bimsgrube, spielten wir Cowboy und Indianer. Damals durfte man das noch sagen, ohne dass jemand „kulturelle Aneignung“ rief.

Die Indianer hatten Pfeil und Bogen – selbstgebaut, aber erstaunlich effektiv. Und es gab noch Plastiktüten, die sich hervorragend eigneten, um Brandpfeile zu basteln.

Mein Freund Heinz wollte mir einmal so einen Brandpfeil zwischen die Füße schießen. Getroffen hat er aber meinen Gummistiefel – genau zwischen die Zehen. Der Stiefel hatte danach ein Loch, aber zu Hause erzählt haben wir natürlich nix.

Ich hatte ab dann einfach einen dauerhaft nassen linken Fuß, wenn ich in die nächste Pfütze sprang.

Urlaub – Kettiger Style

Und wenn wir in Urlaub gefahren sind, lag auf der Hutablage im Benz kein Wackeldackel und keine umhäkelte Klopapierrolle.

Nein – dort lag meine Schwester Conny.

„Un hätt do jepennt.“

Ich – der Älteste – lag bequem auf der Rückbank. Mein Bruder Jürgen lag im Fußraum mit dem Getriebetunnel im Kreuz. Und im Radio lief:

„Komm ein bisschen mit nach Italien…“ Caterina Valente, Peter Alexander, Silvio Francesco – das volle Programm.

Keiner war angeschnallt. Keiner hatte ein Problem damit. Und jeder war glücklich.

Die Mofa‑Zeit: Frisiert, aber nicht vom Friseur

Später kamen die Mofas und Mopeds. Natürlich wurden die „ein wenig“ frisiert – aber nicht vom Friseur.

Martin erzählte immer, wie er oder seine Brüder mit Maschinen nach Hause kamen, mit denen sie sich vorher schon mal auf die Nase gelegt hatten.

Seine Mutter schaute sich das Malör an, warf einen kurzen, prüfenden Blick und fragte völlig pragmatisch:

„Un? Is bei euch noch alles dran?“ Kurze Pause. „Na dann is ja alles jot.“

Keine Panik. Kein Drama. Nur ein bisschen Mutterlogik – und weiter ging’s.

Fazit: "Mir sinn gruß jeworre" – trotz allem. Oder gerade deswegen.

Wir hatten keine Helikopter über uns, keine Airbags um uns herum und keine Eltern, die bei jedem Kratzer die Feuerwehr riefen. Wir hatten Abenteuer, Freiheit, Mut, ein paar Blessuren – und Geschichten fürs ganze Leben.

Und vielleicht war genau das der Grund, warum wir heute mit einem Lächeln sagen können:

„Et wor e jode Kindheit.“