Früher erzählte man sich, dass es auf der Kettiger Kirmes manchmal etwas rauer zuging. Ein Schulkamerad von Toni berichtete, dass sein Vater – Arzt im Andernacher Krankenhaus – regelmäßig sagte: „Wenn in Kettisch Kirmes ist, dann geht’s in der Unfallaufnahme rund.“ Schlägereien, Knochenbrüche, gelegentlich sogar Messerstiche. Kirmes eben, aber in der „Spezialausgabe“.
Als Toni in den 70ern selbst in der Kirmesjugend war, war das zum Glück längst nicht mehr ganz so wild. Man war vorbereitet – sicherheitshalber. Gerd hatte seinen Ochsepitz, sein Bruder ein Starkstromkabel in ‚passender‘ Länge, und Toni hatte seinen Baseballschläger aus Amerika hinter dem Tresen stehen. Nicht zum Benutzen – nur für den Fall der Fälle.
„Ma wääs jo net, bat kümmt…“
Und dieser Fall trat eigentlich nie ein. Bis auf diesen einen Abend.
Es lag Spannung in der Luft. Eine größere Auseinandersetzung bahnte sich an – keiner wusste später mehr genau, warum. Aber alle waren sich sicher, dass es jetzt gleich „rums“ macht.
„Gleich jiet et loss, dann iss hei die Kack am dömpe!“
Und dann kam er: De Jong vom Thur.
Toni weiß seinen Vornamen heute nicht mehr – und das ist kein Wunder. Im ganzen Dorf wurden die drei Weißenthurmer Brüder nur ehrfürchtig mit dem Nachnamen bezeichnet. Den nennen wir hier besser nicht. Man legte sich mit denen einfach nicht an.
Der betreffende Bruder war für sein Alter ungewöhnlich kräftig, hatte ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und war sofort zur Stelle, wenn einer seiner Freunde in Gefahr war. Und an diesem Abend hatte er – sagen wir – ein oder zwei oder drei Bierchen zu viel.
Er regte sich dermaßen über die Situation auf, dass er beschloss, ein Zeichen zu setzen. Ein sehr deutliches Zeichen.
„Ich wääs janet mie, bat eijentlich loss wor…“
Er holte aus – und schlug mit voller Wucht auf einen der Kirmeswagen ein.
Schon der erste Schlag hinterließ ein sichtbares Loch im hölzernen Aufbau. Ein richtiges Loch. Kein Kratzer, kein Ditscher – ein Loch, das man später als „Kirmesdenkmal“ hätte einrahmen können.
Die Wirkung war sofort und durchschlagend:
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Die Gegner verstummten.
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Die Kirmesjugend verstummte.
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Selbst die Musik schien kurz leiser zu werden.
Alle hielten plötzlich ihr Bier fest wie ein wertvolles Erbstück. Und der Grund für das ganze Tohuwabohu war – im wahrsten Sinne des Wortes – schlagartig vergessen.
Die Situation beruhigte sich, die Kirmes nahm wieder Fahrt auf, und alle wollten einfach nur feiern. Wie das Loch in den Kirmeswagen kam?
Natürlich hatte das niemand gesehen.
Und so wurde aus einer beinahe handfesten Auseinandersetzung eine der legendärsten Kirmesgeschichten – die Geschichte vom Thurer, der mit einem einzigen Schlag die Kirmes rettete.