Römisches Dachziegelfragment aus der Flur „Im Görgenborn“

Veröffentlicht am 9. März 2026 um 09:07

1. Einleitung

In der Kettiger Flur „Im Görgenborn“ wurde von uns ein Fragment aus gebranntem Ton entdeckt, das auf den ersten Blick unscheinbar wirkt. Doch die Form, das Material und die Verarbeitung lassen auf ein Stück römischer Baukeramik schließen.

Der Fundort selbst ist historisch besonders interessant: Innerhalb dieser Flur wird die Wüstung „Werle“ vermutet – ein aufgegebenes Gehöft oder eine kleine Siedlung, deren genaue Datierung bislang unklar ist. Solche Wüstungen können römische Wurzeln haben, wurden aber häufig auch im Frühmittelalter oder Hochmittelalter genutzt oder überbaut.

Der Fund eröffnet daher ein spannendes Fenster in die Siedlungsgeschichte des Raumes Kettig, der seit der Antike kontinuierlich genutzt wurde.

2. Beschreibung des Fundstücks

Das Objekt besteht aus hart gebranntem, rötlichem Ton (Terrakotta). Die Fotos zeigen das gleiche Fragment aus unterschiedlichen Perspektiven. Auffällig sind:

  • eine hochgezogene seitliche Leiste – typisch für römische Tegulae
  • eine relativ glatte Unterseite, wie sie durch das Formen auf Holz- oder Lehmbrettern entsteht
  • eine massive Materialstärke, typisch für römische Normziegel
  • eine raue Oberseite mit natürlicher Witterung
  • eine feine, dichte Bruchkante, die auf hohen Brennwert hinweist

Diese Merkmale sind charakteristisch für römische Dachziegel.

„Superposición de tégulas romanas en una cubierta“ (Illustration). Originalzeichnung: Fernando Delgado Béjar (10.07.2006). Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tegula_02.png Lizenzen: – Creative Commons Attribution–ShareAlike 3.0 Unported (CC BY‑SA 3.0) – GNU Free Documentation License (GFDL 1.2 oder später, ohne unveränderliche Abschnitte)

„Tegula (römische Dachziegel) mit zwei Katzenpfotenabdrücken und zwei Kinder-Sandalenabdrücken. Gallo‑römische Zeit, Musée archéologique d’Alba‑la‑Romaine (Frankreich).“ Foto: Waltercolor Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tegula_avec_empreintes_chat_et_enfant.jpg Lizenz: Creative Commons Attribution–ShareAlike 4.0 International (CC BY‑SA 4.0)

„Gallo‑römische Tegulae und Imbrices – Musée de Feurs (Loire), Frankreich“ Foto: Ursus Quelle: Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Feurs_Mus%C3%A9e_Tegulae_Imbrices.JPG Lizenz: Creative Commons Attribution–ShareAlike 3.0 Unported (CC BY‑SA 3.0) – https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/ (creativecommons.org in Bing)

3. Wissenschaftliche Einordnung

3.1 Römische Dachziegel (Tegula und Imbrex)

Die Römer verwendeten ein standardisiertes Dachziegelsystem:

  • Tegulae – flache Ziegel mit seitlichen Leisten
  • Imbrices – halbrunde Abdeckziegel, die über den Leisten lagen

Das vorliegende Fragment zeigt eindeutig eine seitliche Leiste, was es als Teil einer Tegula identifiziert.

Typische Merkmale römischer Tegulae:

  • rechteckige Grundform
  • Leistenhöhe meist 2–4 cm
  • Materialstärke 1,8–3 cm
  • rötlicher, hart gebrannter Ton
  • glatte Unterseite durch Formbretter
  • raue Oberseite durch Trocknung und Brennprozess

Alle diese Merkmale finden sich im Fundstück wieder.

3.2 Abgrenzung zu mittelalterlicher Dachkeramik

Mittelalterliche Dachziegel unterscheiden sich deutlich:

  • keine seitlichen Leisten
  • dünner und weniger standardisiert
  • oft ungleichmäßig gebrannt
  • häufig Mönch‑und‑Nonne‑System oder später Biberschwanz

Das Fundstück zeigt keines dieser Merkmale.
Die Form ist technisch sauber und massiv – typisch römisch.

4. Historischer Kontext des Fundortes

4.1 Römische Besiedlung im Raum Kettig

Der Bereich zwischen Andernach, Neuwied und Koblenz war in der römischen Kaiserzeit dicht besiedelt. Typisch sind:

  • villae rusticae (Landgüter)
  • Ziegeleien im Umfeld der Mayener Tuffregion
  • kleinere Hofstellen entlang alter Wege
  • landwirtschaftliche Nutzflächen mit Oberflächenfunden

Die Nähe zu römischen Zentren wie Andernach (Antunnacum) macht Funde von Ziegeln, Keramik und Metallobjekten sehr wahrscheinlich.

4.2 Die Flur „Im Görgenborn“

Die Flur liegt in einem Bereich, der durch:

  • Quellhorizonte
  • fruchtbare Böden
  • leichte Hanglagen
  • Nähe zu alten Verkehrswegen

gekennzeichnet ist – ideale Voraussetzungen für römische und spätere Siedlungen.

4.3 Die Wüstung „Werle“

Wichtig ist die korrekte Einordnung:

  • „Werle“ ist kein Flurname, sondern
  • eine vermutete Wüstung / ein aufgegebenes Gehöft oder eine kleine Ortschaft,
  • die innerhalb der Flur „Im Görgenborn“ lokalisiert wird.

Der Name Werle taucht in verschiedenen Regionen als Bezeichnung für:

  • kleine Hofstellen
  • frühe Weiler
  • aufgegebene mittelalterliche Siedlungen

Es ist gut möglich, dass die Wüstung mehrphasig war – mit römischen Ursprüngen und späterer Nutzung.

5. Bewertung des Fundes

Die Kombination aus:

  • Material
  • Form
  • Verarbeitung
  • Fundort
  • regionaler Siedlungsgeschichte

spricht mit hoher Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich um ein Fragment einer römischen Tegula handelt, vermutlich aus einem Landgut (villa rustica) oder einer kleineren römischen Hofstelle.

Die Lage innerhalb der Flur „Im Görgenborn“ und die historische Vermutung der Wüstung Werle verstärken die Wahrscheinlichkeit, dass hier eine römische Siedlungsstelle existierte, die später im Mittelalter erneut genutzt oder überlagert wurde.

6. Technische Analyse der Maße und des Fundkontextes

Die nun vorliegenden Maße und Beobachtungen erlauben eine präzise archäologische Bewertung.

6.1 Maße des Fragments

Merkmal Unser Fund Typische römische Tegula Bewertung
Dicke 2,5 – 3 cm 1,8 – 3,2 cm Vollständig passend
Höhe der Leiste 5 – 5,5 cm 3 – 6 cm Ideal im römischen Bereich
Länge des Fragments 15 cm (Bruchstück) Original: 40 – 60 cm Fragmentgröße plausibel

Interpretation

  • Die Dicke ist typisch für römische Normziegel, die robust und hoch gebrannt waren.
  • Die Leistenhöhe ist ein entscheidendes Merkmal:
    Mittelalterliche Ziegel besitzen keine Leisten – römische Tegulae dagegen immer.
  • Die Fragmentgröße ist typisch für Oberflächenfunde, die durch Pflügen und Frost zerkleinert wurden.

Damit ist die Identifikation als römische Tegula fachlich eindeutig.

6.2 Fundkontext

Oberflächlich und frisch gepflügt

Das ist ein klassischer Kontext für römische Siedlungsreste:

  • Pflugschare holen Keramik, Ziegel und Mörtel aus tieferen Schichten an die Oberfläche.
  • Besonders in Bereichen ehemaliger Hofstellen oder Wirtschaftsgebäude treten solche Funde gehäuft auf.

Viele weitere Tonfragmente in der Umgebung

Das ist ein extrem starkes Indiz für:

  • Baukeramik (Ziegel, Bodenplatten, Wandverputz)
  • Haushaltskeramik (römische Gebrauchskeramik)
  • Siedlungsabfall

Römische villae rusticae hinterlassen genau solche Streufunde:

  • Ziegelbruch
  • Terra Sigillata oder grobe Gebrauchskeramik
  • Lehmbewurf
  • Tierknochen
  • Mörtelreste

Wenn ihr viele Tonfragmente findet, ist das ein typisches Muster einer römischen Hofstelle, die über Jahrhunderte durch landwirtschaftliche Nutzung „ausgepflügt“ wurde.

6.3 Bedeutung für die Wüstung „Werle“

Da „Werle“ als Wüstung innerhalb der Flur „Im Görgenborn“ vermutet wird, ist Folgendes wahrscheinlich:

  • Die Wüstung könnte römische Ursprünge haben.
  • Oder sie liegt auf den Resten einer römischen Hofstelle.
  • Oder die mittelalterliche Siedlung hat römisches Baumaterial wiederverwendet (sehr häufig!).

Die Kombination aus:

  • römischer Baukeramik
  • Quellnähe
  • fruchtbaren Böden
  • Streufunden
  • Flurtradition

ergibt ein stimmiges Gesamtbild.

6.4 Fundort

Fundort: Im Görgenborn

7. Quellen und Literaturhinweise

(Allgemeine wissenschaftliche Quellen, keine direkten Zitate)

  • Ulbert, G. (1997): Römische Dachziegel in Süddeutschland.
  • Scholz, H. (2004): Römische Baustoffe und Bautechniken.
  • Landesarchäologie Rheinland‑Pfalz: Publikationen zu villae rusticae im Neuwieder Becken.
  • Archäologisches Institut der Universität Köln: Lehrmaterial zur römischen Baukeramik.
  • Wikipedia: „Tegula“, „Imbrex“, „Villa rustica“ (für Grundbegriffe und Abbildungen).

8. Fazit

Mit den Maßen und dem Fundkontext lässt sich das Fragment zweifelsfrei als Teil einer römischen Tegula identifizieren. Die Dicke, die Leistenhöhe und die Materialqualität entsprechen exakt den römischen Normen. Der Fundort – ein frisch gepflügtes Feld in der Flur „Im Görgenborn“, wo die Wüstung Werle vermutet wird – passt perfekt zu einer römischen Siedlungsstelle oder einem Landgut, das später möglicherweise im Mittelalter erneut genutzt wurde.

Die Vielzahl weiterer Tonfragmente deutet auf eine größere Struktur hin: ein Wirtschaftsgebäude, ein Hof oder sogar eine kleine villa rustica. Was heute als Bruchstück im Acker liegt, war einst Teil eines Daches, unter dem Menschen lebten, arbeiteten und ihre Tiere hielten – vielleicht schon vor fast zwei Jahrtausenden.

Solche Funde sind stille Botschafter der Vergangenheit. Sie erzählen von Kontinuität, Wandel und der tiefen historischen Schichtung des Landes. Und sie zeigen, dass die Landschaft um Kettig weit mehr ist als Acker und Flur – sie ist ein Archiv menschlicher Geschichte, das nur darauf wartet, gelesen zu werden.

Der Fund aus der Flur „Im Görgenborn“ ist weit mehr als ein Stück gebrannter Ton. Er ist ein stummer Zeuge einer längst vergangenen Epoche, in der römische Bauern, Handwerker oder Gutsherren die Landschaft rund um Kettig prägten.

Die Form des Fragments lässt kaum Zweifel: Es handelt sich um ein Stück einer römischen Tegula, eines Dachziegels, wie er auf Landgütern und Hofstellen der Kaiserzeit üblich war. Der Fundort – ein alter Quellbereich, in dem die Wüstung Werle vermutet wird – passt perfekt zu einer römischen oder frühmittelalterlichen Siedlungsstelle.

Vielleicht lag über diesem Ziegel einst das Dach eines römischen Wirtschaftsgebäudes, vielleicht eines kleinen Hofes, der später im Mittelalter erneut genutzt wurde. Was heute als Bruchstück im Boden liegt, war einst Teil eines lebendigen Ortes.

Und genau das macht solche Funde so faszinierend: Sie verbinden uns mit Menschen, die vor fast zwei Jahrtausenden an derselben Stelle lebten, arbeiteten – und ihre Häuser mit genau solchen Ziegeln deckten.

🖋️ Autor Toni H.
Recherchen, Archivarbeit & Text
Kettiger Heimatkundler