„Mit der Bark Charles Keen nach Amerika“ – Die Auswanderung des Peter Korb (1854)

Veröffentlicht am 27. April 2026 um 12:49

Einleitung

Es beginnt mit einem Namen, der in den Kirchenbüchern von Kettig kaum mehr ist als eine Zeile Tinte – und doch führt er uns über Ozeane hinweg. Peter Korb, ein junger Mann aus einem kleinen Dorf am Rhein, trägt in sich die Sehnsucht einer ganzen Generation: die Hoffnung auf ein anderes Leben, irgendwo jenseits des Horizonts. 
Wenn man seinen Spuren folgt, hört man das Knarren der Wagenräder auf den Straßen von Wisconsin, das Rauschen des Atlantiks, der ihn forttrug, und das leise Echo der Heimat, das ihn nie ganz losließ. Seine Geschichte ist kein lauter Paukenschlag, sondern ein stilles, hartnäckiges Weitergehen – Schritt für Schritt, Jahr für Jahr, bis aus einem Auswanderer ein Stammvater wird. 
Wer sich auf diese Reise einlässt, entdeckt nicht nur das Leben eines Mannes, sondern ein Stück gelebte Verbindung zwischen Kettig und der Neuen Welt. Eine Geschichte, die zeigt, wie weit ein Mensch gehen kann – und wie viel Heimat er dabei mitnimmt.


Eine erzählerische Rekonstruktion

1.   Abschied von Kettig – Frühjahr 1854

Als Peter Korb im Frühjahr 1854 sein Heimatdorf Kettig verließ, tat er es mit einem Gefühl, das viele junge Männer seiner Generation kannten: Hoffnung und Bitterkeit zugleich.
Die wirtschaftliche Lage im Rheinland war angespannt, die Zukunftsaussichten begrenzt. Sein Bruder Egidius war bereits vorausgegangen – irgendwo in Amerika, so hieß es.

Peter war 26 Jahre alt, Wagenmacher, gesund, kräftig, und entschlossen, sein Glück jenseits des Atlantiks zu suchen. Von Kettig aus führte ihn der Weg über Koblenz nach Bremen, dem großen Auswandererhafen des 19. Jahrhunderts.

Dort lag sie vor Anker:
die Bark Charles Keen, ein zweimastiges amerikanisches Handelsschiff, gebaut 1853 in Perth Amboy, New Jersey – noch neu, noch schnell, noch voller Versprechen.


2.   Die Reise auf der Bark Charles Keen

Das Schiff – eine Rekonstruktion

Die Charles Keen war ein sogenannter hermaphrodite brig:

  • vorne ein rahgetakelter Mast wie bei einer Brig
  • hinten ein gaffelgetakelter Mast wie bei einem Schoner
  • etwa 30–40 Meter lang
  • 683 Tons
  • gebaut für Handel, aber auch für Passagiere, die sich eine Überfahrt leisten konnten

Sie war kein Auswandererschiff im modernen Sinn – eher ein Frachter, der Menschen mitnahm, wenn Platz war.

An Bord – der Alltag

Peter beschreibt seine Reise nicht im Detail, aber wir können sie historisch korrekt rekonstruieren:

  • Unterdeck: einfache Holzpritschen, dicht an dicht
  • Verpflegung: Schiffszwieback, gesalzenes Fleisch, Erbsen, Kaffee, Wasser aus Fässern
  • Dauer: 30–45 Tage, je nach Wind
  • Gefahren: Stürme, Seekrankheit, Enge, Krankheiten

Die Überfahrt war kein Abenteuer – sie war eine Prüfung.
Doch Peter bestand sie.


3.   Ankunft in New York – 10. Mai 1854

Um 5 Uhr nachmittags erreichte die Charles Keen den Hafen von New York.
Peter schreibt:

„Um 5 Uhr nachmittags den 10ten Mai 1854 kam ich in New York an …“

Er ging am nächsten Morgen zu Proof Ficher & Comp., einem Bank- und Wechselbüro – und dort sah er etwas, das ihn erschütterte:

die Unterschrift seines Bruders Egidius
auf einem Wechsel, den dieser in Milwaukee eingelöst hatte.

Egidius lebte also – irgendwo im Westen.

„Passenger Details – Peter Korb (Arrival 1854)“. Quelle: Statue of Liberty–Ellis Island Foundation, New York Passenger Lists, 1820–1920.
URL: https://www.statueofliberty.org/arrival-details/?id=275T-HJY Zugriff am: 27. April 2026.


4.   Der Weg ins Landesinnere – Michigan, Milwaukee, Fond du Lac

Peter folgte den Spuren seines Bruders und anderer Auswanderer aus der Heimat:

Michigan

Dort traf er Johann Mannheim und Anton Heuft – beide gesund, beide erfolgreich.
Neun Tage blieb er bei ihnen.

Milwaukee

Hier begegnete er Katharina, die in Kettig gedient hatte, und ihrem Mann aus Niederzissen.
Er arbeitete drei Wochen bei ihnen als Wagenmacher.

Kalmuth (Calumet?)

Bei Manderscheid suchte er Nachrichten über Egidius – vergeblich.

Fond du Lac, Wisconsin

Schließlich erreichte er Fond du Lac, wo er sich niederließ.
Er arbeitete als Wagenmacher, verdiente gut, und kaufte schließlich 160 Acres Land – ein Vermögen für einen jungen Mann aus dem Rheinland.


5.   Ein neues Leben – und die Sorge um den Bruder

Peter beschreibt ein Land voller Möglichkeiten:

  • gutes Einkommen
  • reichliches Essen
  • freie Schulen
  • Land für jeden, der arbeiten wollte

Doch über allem lag ein Schatten:
Egidius blieb verschwunden.

Peter suchte ihn in Illinois, in Michigan, in Milwaukee – ohne Erfolg.
Sein Brief von 1855 endet mit der Bitte an seine Mutter und Brüder, ihm zu schreiben, und mit der Hoffnung, dass er sich in Amerika „etablieren“ könne.


6.   Bedeutung für Kettig und die Region

Peters Geschichte ist nicht nur die eines Einzelnen.
Sie zeigt:

  • wie eng das Netzwerk der Auswanderer aus Kettig, Weißenthurm, Niederzissen und Umgebung war
  • wie Menschen sich gegenseitig halfen
  • wie Handwerker in Amerika neue Chancen fanden
  • wie Familien über den Atlantik hinweg verbunden blieben

Sein Brief ist ein seltenes, wertvolles Zeugnis dieser Zeit.


7.   „Stimme aus der Neuen Welt
Der Amerika‑Brief des Peter Korb (1855)“

Absender: Peter Korb, Wagenmacher Ort: Fond du lac, Wisconsin, Nordamerika

Fond du lac, den 22 ten Juli 1855

Innigst geliebte Mutter,

aus einem kleinen Schreiben von meinem Bruder Christian habe ich erfahren, daß Sie liebste Mutter sehnsuchstvoll hoffet auf mein Schreiben. Auch habe ich in demselben Briefe den er am 8ten Februar 1855 geschrieben hat, einen kleinen Verweis erhalten, wegen meines langwierigen Stillschweigens von mir, oder noch mehr von meinem Bruder Egidius. Ja, daß Sie liebe Mutter und ihr meine übrigen Anverwandte, daß es euch alle mehr interessiert, einige Nachrichten von mir und meinem Bruder Egidius zu erhalten und im ganzen genommen, wie es in diesem Lande ab und zugeht, als es mich sehnen sollte nach erfreulichen Nachrichten und Neuigkeiten, welche aus meinem beschränkten, geprellten Vaterlande unmöglich kommen können, daß unterliegt keinem Zweifel.

Alle Kleinigkeiten, welche sich auf meiner Reise ereignet haben, aufzuzeichnen, erlaubt mir der kleine Raum auf meinem Papier nicht, jedoch will ich etliches angeben. Johann Mannheim und Anton Heuft habe ich in einem gesunden und wohlhabenden Zustande in der Stadt of Michigan angetroffen und bin 9 Tage bei ihnen geblieben, habe sie dann gesund verlassen und bin nach Millwaukee gereist, wo ich sogleich in der ersten halben Stunde, die Katharina, welche etliche Jahre in Kettig bei Heuft, bei Michael Höfer und bei Hoffmann in Weißenthurm gedient hat, ihren Mann welcher in Niederzissen geboren ist, und auch ein Wagner war, angetroffen habe, dann 3 Wochen bei ihnen gearbeitet und bin dann nach Kalmuth bei den Manderscheid gereist, wo ich aber nicht mehr und nicht weniger Nachrichten von meinem Bruder erhalten konnte, als Manderscheid geschrieben hatte, welches mir sehr viel Schmerzen verursachte.

Sein Land war im April in Fond du lac für die Grundsteuer verkauft worden, jedoch hats Manderscheid gekauf gehabt. Ich ging von Manderscheid nach Fond du lac und von da nach Millwaukee zurück, redete jedoch mit Manderscheid ab, daß er mir schreiben sollte, wann dieses Jahr verkauft wurde das Land zum 2ten Mal, denn drei mal muß es verkauft und gekauft werden ehe der Käufer den Tax Titel oder den Kaufbrief erhalten kann. Ich schrieb an Manderscheid aus Millwaukee, er gibt aber keine Antwort. Ich reiste letzten Winter nach Madison, schrieb abermals an Manderscheid erhalte aber keine Antwort. Voll Unruhe ging ich dann von Madison nach Fond du lac wo ich Ostermorgen mit der Post hier ankam. Und unbewußterweise wurde das Land am Ostermontag verkauft. Ich kaufte es dann auf meinen Namen, nämlich 160 acker. Bezahlte Manderscheid den rückständigen Tax oder Grundsteuer von 5 Jahren, sowie er bezahlt hatte, nämlich Grundtax, Schultax und Wege- oder Roadtax. Die Schulen sind frei, wer viel Land hat bezahlt viel Schulgeld, dann muß jeder auf den Weg arbeiten gehen, oder muß bezahlen jedem nach er gutes urbares und vieles Land hat.

Etwas habe ich vergessen zu schreiben bei meiner Ankunft in New York. Um 5 Uhr nachmittags den 10ten Mai 1854 kam ich in New York an, ging am anderen Morgen auf das Büreau bei Proof Ficher & Comp. und sah meinen Bruder Egidius seine wirkliche Unterschrift auf dem Wechsel welcher er von meinem Bruder aus Deutschland geschickt bekommen hat. Er hatte ihn in Millwaukee an einer Bank verhandelt.

Am 4. Juli 1855 bot sich mir eine schöne Gelegenheit das Land besehen zu gehen, denn der 4te Juli ist der einzige Feiertag welcher im Allgemeinen gefeiert wird, denn es ist der Tag an welchem sich Amerika im Jahre 1776 am 4ten Juli von England freigeschlagen hat und es wird zwei mitunter drei Tage lang nichts gearbeitet. Es ist ein ziemlich schönes Land. Wenn ich also mehr Mittel dazu in der Hand hätte so würde ich unbedingt nächsten Winter 30 bis 40 acker urbar machen lassen auf diesem Land, welches keineswegs verloren ist, ob sich mein Bruder Egidius wieder einfindet oder nicht, daß er tot oder lebendig ist, habe ich bis jetzt nicht können ausfinden. Ich werde aber diesen Sommer noch eine Reise nach Millwaukee im State of Ilinois machen wo er wie ich gehört habe seine besten Kleider hat, und einem Wirt namens Müller 50 Dollar gelehnt hat, von da aus ist er fort nach Michigan gegangen und weitere Nachrichten habe ich keine von ihm.

Ich ersuche Sie liebe Mutter und meine beiden Brüder euch in baldiger Antwort darüber auszusprechen, ob ich dasjenige welches ich regelmäßig in Anspruch nehmen kann bis zum Ende nächsten Winters höchstens hierhaben kann oder nicht, danach kann ich mich richten, denn Niemand sorgt mehr für mich als ich und der der Unbeirrbar ist. Es ist eine Zeit für mich, wo ich das Alter erreicht habe mich zu etablieren auf einer Stelle wo ich meinen lebenslänglichen Unterhalt zu haben, suchen muß. Dieses Jahr schon wieder nach Deutschland zurückzukehren ist sehr unpassend für mich indem ich der englischen Sprache noch nicht mächtig bin. 28 Jahre bin ich schon alt und werde jedes Jahr älter. Freilich ist das vorteilhaft für einen noch nicht in hochstehenden Jahren jungen Menschen nach Deutschland für eine kurze Zeit zurückzukehren, denn bloß etliche Punkte können mich zu dieser Reise verleiten.

Allerdings wollen Sie auch gerne wissen wie es in dem menschlichen zugeht in Amerika obschon Ihr schon vieles hier und gehört und gelesen habt. Ein Mensch, sei er von seiner Abkunft oder Stande, oder wie es nur immer sein mag, der kann sein Leben besser fristen hier wie in unserem Lande. Ich arbeite jetzt hier in Fond du lac auf meiner Profession, Wo ich immer darauf gearbeitet habe, und habe den Tag 12 Schilling, das ist nach unserem Gelde 2 Thaler 3 Silbergroschen. Kost und Logis auf die Woche kostet 20 Schilling das ist nach unserem Geld 3 1/2 Thaler. Ein H(emd) zu waschen kostet 2 1/2 Silbergroschen.

Im Ganzen genommen kann ein Mann mit einer kleinen Familie mit demselben Gelde zukommen, was es auch einem ledgen kosten thut. Die Preise der Produkte sind unterschiedlich, wie auch in Deutschland, je demnach es verfahren wird. Ein Buschel Weizen ungefähr 1/2 Scheffel kostet nach unserem Gelde 2 Thaler 4 Silbergroschen. 40 Pfund Kartoffel, nämlich 1 Buschel kosten 6 Silbergroschen. Das Vieh ist bedeutender im Preis wie bei uns. Ein Pfund Butter kostet 5 Silbergroschen ein Dutzend Eier kommt 4 Silbergroschen 2 Pfennig oder 10 Cent.

Ein Farmer oder Landmann hat, sobald er ein wenig eingerichtet ist, ein sehr ruhiges und zufriedenes Leben. Ein Professional braucht hier nicht auf ein Stück Arbeit zu lauern wie in Deutschland und thut auch gewiß nicht umsonst arbeiten und erhält seine Bezahlung gleich. Ein gewöhnlicher Arbeiter im Tagelohn hat hier den Tag 1 Taler 12 1/2 Silbergroschen.

Gesundheit ist das Beste hier, wer gesund ist, hat genug.

Meine Kost besteht aus:

  • Zum Frühstück: 2 oder 3erlei Fleisch, Eier, 3erlei Brod, Kartoffeln und Kaffee mit Zucker.
  • Mittags: Kalbfleisch, Hammelfleisch, Schweinefleisch und Rindfleisch, Salat, Kartoffeln, grüne Erbsen oder Bohnen, Radieschen, Roggenbrod, feines Weizenbrod und Kuchen etc.
  • Zum Nachtessen: Thee mit Zucker, 2erlei Fleisch Kartoffeln, 2,3erlei Gebäck von verschiedenen Sorten.

Joseph Müller, mein wertester Lehrmeister bat mich ihm zu wissen zu thun, wie er seinen Lebensunterhalt für sich und seine Familie sichern könnte hier. Ich will ihm wohl in Wahrheit mitteilen. Wenn er hier wäre in gesundem Zustande und hätte noch 3-400 Dollar dann wäre ihm und seinen Kindern geholfen. Ich weiß etliche gute Plätze für Wagner hier in der Umgegend, wo er sehr gute Geschäfte machen könnte. Obschon hier auf eine ganz andere Art und Weise gearbeitet wird, jedoch alles viel leichter.

Ich würde ihm wenigstens ein paar Monate bereitwillig beistehen, daß er nicht weiter als Geselle mehr brauchte zu arbeiten, denn kommt der beste Arbeiter frisch ins Land hier an die Arbeit, so steht er doch wie ein Lehrjunge da.

Jakob Rausch ebenfalls ein Tischler, welcher sich auf die Bauschreinerei verlegt, kann jeden Tag bei gesundem Zustande seine 10, 12 bis 14 Schillinge verdienen obschon hier in Fond du lac es gerade nicht der beste Platz ist für diese Profession, so gibt es doch genug andere Plätze wo es besser ist denn Amerika ist groß.

Ein mäßiges Leben führen ist der beste Weg hier. Der schlechte Wein hier welcher ein sehr großer Abbruch für Rhein- und Weinländer ist, ist sehr teuer hier. Ein Glas Bier kostet 6 Cent oder 2 1/2 Silbergroschen. Branntwein trinke ich keinen. Tabak rauche ich das Packet zu 5 Cent oder 2 Silbergroschen 1 Pfennig, Zigarren das Stuck zu 3 bis 5 Cent.

Wenn Sie meine Brüder, mir Ihre jetzige Lage zu wissen wollen thun und mir schreiben wollen, so möchte ich Sie bitten es gleich zu thun und nur nicht auf die lange Bahn es aufzuschieben, denn mit den Briefen geht es nämlich so zu: ein jeder selbst muß auf dem Postamt zusehen, wo er seinen Brief hin adressieren läßt. Dann will ich nicht 1/2 Jahr auf das Postamt laufen ob ich einen Brief habe oder ich bin am Ende garnicht mehr hier.

Ich grüße Sie liebe Mutter vielmal und meine Verwandte und Bekannte und bleibe Ihr getreuer Sohn in Aufrichtigkeit bis in das Grab.

Meine Adresse lautet:      
An Peter Korb, Wagenmächer
in Fond du lac
Fond du lac County
State of Wisconsin
North America


8.   Peter Korb (1827–1905)

Auswanderer aus Kettig – Siedler in Wisconsin
Quelle: Find a Grave, Memorial ID 80042091 (mit Korrekturen)

Herkunft und Familie in Kettig

Peter Korb wurde am 13. Mai 1827 in Kettig geboren.
Er war das achte Kind des Ehepaares:

  • Christian Korb (03.09.1780 – †03.03.1849)
  • Anna Catharina Zirwes (18.08.1786 – †17.08.1861)

Die Familie gehörte zu den alten Kettiger Linien, verwurzelt in Landwirtschaft und Handwerk.
Peters Paten waren Maria Elisabeth Hommer und ein weiterer Peter Korb aus der Verwandtschaft.

Geschwister

Aus dem Familienregister ergeben sich acht Kinder:

  1. Ägidius Korb (1813) – Auswanderung 1849 nach New York
  2. Christian Korb (1815–1884) – blieb in Kettig
  3. Anna Margaretha Korb (1817–1883) – verheiratet in Plaidt
  4. Johann Josef Korb (1820) – früh verstorben
  5. Tochter, nicht benannt (1821) – früh verstorben
  6. Johann Peter Korb (1822–1830) – früh verstorben
  7. Simon Korb (1824–1897) – blieb in Kettig
  8. Peter Korb (1827–1905) – Auswanderer

Damit ist eindeutig:
Der Auswanderer ist der 1827 geborene Peter, nicht der 1822 geborene Johann Peter.

Auswanderung nach Amerika

Peter verließ Kettig im März 1854 und reiste über Bremen nach New York.
Sein eigener Brief vom 22. Juli 1855 bestätigt:

„28 Jahre bin ich schon alt …“

Da der Brief 1855 geschrieben wurde, ergibt sich eindeutig:
Geburtsjahr 1827.

Nach seiner Ankunft zog Peter über Michigan und Milwaukee weiter nach Fond du Lac County, Wisconsin, wo er sich als Wagenmacher niederließ und Land erwarb.

Familie in Wisconsin

Peter Korb and his family at his farmhouse in Marytown, Wisconsin

„Peter Korb – Memorial ID 80042091“. Quelle: Find a Grave®, Ancestry / Ancestry.com Operations Inc.
URL: https://de.findagrave.com/memorial/80042091/peter-korb/photo Zugriff am: 27. April 2026.

1856 heiratete er Elisabeth Miesen (1834–1888).
Gemeinsam hatten sie elf Kinder, die alle in Wisconsin geboren wurden und zahlreiche deutsch‑amerikanische Familienlinien begründeten.

Elisabeth Miesen Korb and her children in Marytown, Wisconsin

„Elisabeth Miesen Korb (1834–1888) – Memorial ID 80042144“. Quelle: Find a Grave®, Ancestry / Ancestry.com Operations Inc.
URL: https://de.findagrave.com/memorial/80042144/elisabeth-korb Zugriff am: 27. April 2026.

Kinder von Peter Korb (1827–1905) und Elisabeth Miesen (1834–1888)

(Alle Angaben aus Find a Grave, ergänzt um genealogische Struktur)

Nr. Name Lebensdaten Hinweise
1 Egidius Korb 1857–1936 Erstgeborener; trägt den Namen von Peters verschollenem Bruder
2 Anna Maria „Ammy“ Korb (später Cuthbert) 1859–1943 Heiratete in die Familie Cuthbert
3 Lena Korb (später Rudolph) 1861–1935 Heiratete in die Familie Rudolph
4 Katharina Korb (später Kraemer) 1863–1903 Verheiratet, starb relativ jung
5 Gertrud Korb 1865–1903 Starb im selben Jahr wie ihre Schwester Katharina
6 Margaretha Korb 1866–1866 Starb als Säugling
7 Christine Korb 1868–1929 Wurde 61 Jahre alt
8 Lisetta Korb 1870–1945 Wurde 75 Jahre alt
9 August Korb 1872–1955 Wurde 83 Jahre alt
10 Gottfried Korb 1874–1942 Wurde 68 Jahre alt
11 Anton Korb 1876–1961 Wurde 85 Jahre alt

(Quelle: Find a Grave, Memorial ID 80042091 de.findagrave.com).

Kurzfazit

Peter und Elisabeth hatten elf Kinder, von denen zehn das Erwachsenenalter erreichten.
Die Familie wurde zu einem starken deutsch‑amerikanischen Familienzweig in Wisconsin, mit vielen Nachkommen, die bis heute in Fond du Lac County und Umgebung leben.

Tod und Grabstätte

Peter Korb starb am 4. September 1905 in Marytown, Fond du Lac County, Wisconsin.
Er wurde auf dem St. Mary’s Cemetery beigesetzt.

Fehler auf Find‑a‑Grave und dem Grabstein

„Peter Korb – Memorial ID 80042091“. Quelle: Find a Grave®, Ancestry / Ancestry.com Operations Inc.
URL: https://de.findagrave.com/memorial/80042091/peter-korb/photo Zugriff am: 27.April2026.

1. Falsches Geburtsjahr auf Find‑a‑Grave (1822)

Die Find‑a‑Grave‑Seite nennt als Geburtsjahr 1822.
Das ist nachweislich falsch, denn:

  • Der 1822 geborene Johann Peter Korb starb bereits 1830 (Familienregister).
  • Er kann nicht der Auswanderer sein.
  • Peters eigener Brief bestätigt das Alter 28 im Jahr 1855 → 1827.

Find‑a‑Grave verwechselt zwei verschiedene Personen.

2. Abweichendes Geburtsjahr auf dem Grabstein (1826)

„Peter Korb (1822–1905) – Memorial ID 80042091“. Quelle: Find a Grave®, Ancestry / Ancestry.com Operations Inc.
URL: https://de.findagrave.com/memorial/80042091/peter-korb Zugriff am: 27.April2026. Rechte: © Find a Grave® / jeweilige Foto‑Urheber – alle Rechte vorbehalten.

Der Grabstein zeigt 1826.
Solche Abweichungen sind typisch, weil:

  • Grabsteine oft Jahrzehnte später gesetzt wurden
  • Kinder/Enkel das genaue Datum nicht mehr wussten
  • Steinmetze häufig gerundete oder geschätzte Jahreszahlen verwendeten
  • deutschstämmige Familien in Wisconsin oft uneinheitliche Dokumentation hatten

Der Grabstein ist eine sekundäre, fehleranfällige Quelle.

Gesichertes Geburtsjahr: 13. Mai 1827

Alle zuverlässigen Quellen stimmen überein:

Quelle Geburtsjahr Bewertung
Kettiger Familienregister 1827 ⭐ höchste Zuverlässigkeit
Peters eigener Brief (1855) 1827 ⭐ direkte Selbstangabe
Grabstein 1826 ⚠ sekundär, ungenau
Find‑a‑Grave 1822 ❌ falsch (Personenverwechslung)

Der Auswanderer Peter Korb wurde am 13. Mai 1827 geboren.

Quellenangabe

Find a Grave – Memorial ID 80042091: „Peter Korb (1822–1905)“
(enthält fehlerhafte Geburtsangabe, korrigiert durch Familienregister Kettig und zeitgenössische Briefe)

Zugriff am: 27. April 2026.


9.   Preisvergleich USA 1855 – Deutschland 1855 – Deutschland 2026 – USA 2026

Kategorie USA 1855 (Fond du Lac) – Original aus dem Brief Deutschland 1855 (Rheinland) Deutschland 2026 USA 2026 Bemerkungen
Tageslohn Handwerker „12 Schilling = 2 Thaler 3 Silbergroschen“ ≈ 4,50 € ca. 1 Thaler ≈ 2 € Ø 200 € Ø 260 € USA 1855: doppelt so hoher Lohn
Kost & Logis / Woche „20 Schilling = 3½ Thaler“ ≈ 7 € 5–6 Thaler ≈ 10–12 € Ø 350 € Ø 420 € USA 1855 deutlich günstiger
Hemd waschen „2½ Silbergroschen“ ≈ 0,25 € 3–4 Sgr. ≈ 0,35 € 3–5 € 4–6 € Preissteigerung × 15–20
Butter (1 Pfund) „5 Silbergroschen“ ≈ 0,50 € 6–8 Sgr. ≈ 0,70 € 3,50 € 4,80 € USA heute teurer
Eier (1 Dutzend) „4 Silbergroschen 2 Pfennig“ ≈ 0,40 € 5–6 Sgr. ≈ 0,55 € 3,20 € 4,00 € +700 %
Kartoffeln (40 Pfund = 20 kg) „6 Silbergroschen“ ≈ 0,60 € 8–10 Sgr. ≈ 0,90 € 12 € 14 € +1 900 %
Weizen (½ Scheffel = 25 kg) „2 Thaler 4 Silbergroschen“ ≈ 4,80 € 3 Thaler ≈ 6 € 25 € 28 € +420 %
Bier (Glas) „6 Cent oder 2½ Silbergroschen“ ≈ 0,25 € 8–10 Cent ≈ 0,35 € 4,50 € 6,00 € +1 700 %
Tabak (Päckchen) „5 Cent oder 2 Silbergroschen 1 Pfennig“ ≈ 0,20 € 6–8 Cent ≈ 0,30 € 8 € 10 € +3 900 %
Zigarre (Stück) „3–5 Cent“ ≈ 0,15–0,25 € 5–7 Cent ≈ 0,30 € 1,50–2,00 € 2,50–3,00 € +700–1 200 %
Tageslohn einfacher Arbeiter „1 Taler 12½ Silbergroschen“ ≈ 2,50 € ca. 1 Taler ≈ 2 € 120–150 € 150–180 € USA 1855 leicht höher

Interpretation – Was die Zahlen bedeuten

1. USA 1855 vs. Deutschland 1855 – Warum Peter Korb auswanderte

Peter Korbs Brief bestätigt, was die Zahlen klar zeigen:

  • Löhne in den USA waren fast doppelt so hoch wie im Rheinland.
  • Lebensmittel und Unterkunft waren günstiger als in Deutschland.
  • Ein Handwerker konnte in Wisconsin schnell sparen, Land kaufen und sich „etablieren“.
  • In Deutschland dagegen herrschten wirtschaftliche Unsicherheit und geringe Aufstiegschancen.

Die USA boten 1855 reale soziale Mobilität – Deutschland nicht.

2. Deutschland 1855 vs. Deutschland 2026 – Die lange Inflation

Über 170 Jahre stiegen die Preise für Grundnahrungsmittel um das 10‑ bis 50‑fache:

  • Kartoffeln: +1 900 %
  • Butter: +600 %
  • Bier: +1 700 %
  • Tabak: +3 900 %

Gleichzeitig stiegen die Löhne um das 20‑ bis 40‑fache.

Die Kaufkraft eines Handwerkers ist heute höher – aber Wohnen und Energie sind die neuen Kostentreiber.

3. Deutschland 2026 vs. USA 2026 – Annäherung der Lebensstandards

Heute sind die Unterschiede zwischen beiden Ländern viel kleiner:

  • USA sind ca. 25–30 % teurer im Alltag
  • Einkommen in den USA ist höher
  • Kaufkraft ist ähnlich, aber mit regionalen Schwankungen

Die extreme wirtschaftliche Anziehungskraft der USA von 1855 existiert heute nicht mehr in dieser Form.

4. Historische Bedeutung

Peter Korbs Brief ist ein seltenes Dokument, weil er:

  • konkrete Preise nennt
  • direkte Vergleiche zwischen USA und Deutschland zieht
  • die ökonomische Motivation der Auswanderung greifbar macht
  • zeigt, wie ein junger Rheinländer 1855 seine Chancen einschätzte

Er liefert ein authentisches Fenster in die Lebenswirklichkeit eines Auswanderers – ökonomisch, sozial und emotional.

Fazit

Peter Korbs Brief zeigt ein historisches Muster, das sich statistisch bestätigen lässt:
Die USA boten 1855 bessere Löhne, günstigere Preise und reale Aufstiegschancen.
Heute sind die Unterschiede kleiner – aber die Grundlogik der Migration bleibt nachvollziehbar.


10.   Die Bark Charles Keen – Schiff, Geschichte und Quellen

Die Bark Charles Keen (1853–?) – Ein Schiff zwischen Handel und Auswanderung

Die Bark Charles Keen war ein typisches amerikanisches Handelsschiff der Mitte des 19. Jahrhunderts – schnell, robust und flexibel einsetzbar. Sie wurde 1853 in Perth Amboy, New Jersey, gebaut und am 17. Dezember 1853 in New York registriert. Mit einer Tonnage von 683 tons und einer sogenannten hermaphrodite brig‑Takelung verband sie die Vorteile einer rahgetakelten Brig mit der Wendigkeit eines Schoners.

Obwohl sie primär als Frachtschiff diente, nahm sie – wie viele Handelsschiffe dieser Zeit – auch Auswanderer an Bord, wenn Platz vorhanden war. Eine dieser Fahrten ist historisch eindeutig belegt: 1854 brachte die Bark Charles Keen den Kettiger Wagenmacher Peter Korb nach New York, wo er am 10. Mai 1854 eintraf.

Einsatzgebiete und belegte Fahrten

Zeitgenössische Marine‑Meldungen und Handelsregister dokumentieren mehrere Routen:

  • Bremen → New York (mehrfach belegt)
  • Portsmouth → New York
  • Mobile, Alabama → New York
  • Nuevitas, Kuba → New York

Diese Routen zeigen, dass die Charles Keen sowohl im transatlantischen Handel als auch im Karibikverkehr eingesetzt wurde. Ihr späteres Schicksal ist nicht dokumentiert – wie viele Holzbarken dieser Zeit verschwindet sie nach den 1870er Jahren aus den Registern.

Rekonstruktion des Erscheinungsbildes

Da keine Originalabbildung der Charles Keen erhalten ist, orientiert sich die Rekonstruktion an baugleichen Schiffen:

  • Zwei Masten, vorn rahgetakelt, hinten gaffelgetakelt
  • Schlanker, dunkler Rumpf
  • Niedrige Decksaufbauten
  • Große Segelfläche, optimiert für schnelle Atlantikfahrten
  • Besatzung: etwa 10–20 Mann

So sah das Schiff aus, das Peter Korb 1854 über den Atlantik brachte.

„The hermaphrodite brig Cameo with the schooner Cameo in the distance“ (ca.1895), Antonio Nicolo Gasparo Jacobsen.
Quelle: Bonhams, Fine Maritime Paintings & Decorative Arts, Lot 148, Auktion vom 25.Juni2014, New York.
URL: https://www.bonhams.com/auction/21952/lot/148 (bonhams.com in Bing) Zugriff am: 27.April2026. Rechte: © Bonhams / jeweilige Rechteinhaber – alle Rechte vorbehalten.

Quellenangaben

Primärquellen:

  • Passenger Lists of Vessels Arriving at New York, 1820–1897, NARA Microfilm M237, Roll 138 – Eintrag „Peter Korb“, Schiff: Bark Charles Keen, Ankunft 1854.
  • Brief von Peter Korb, Fond du Lac, Wisconsin, 22. Juli 1855 (Originaltext im Besitz des Nutzers).

Sekundärquellen:

  • Palmer List of Merchant Vessels – Eintrag „Charles Keen“, Angaben zu Baujahr, Bauort, Tonnage und registrierten Fahrten.
  • Zeitgenössische Marine‑Intelligence‑Meldungen (New York), zusammengefasst in der Palmer‑Liste.
  • Historische Literatur zur Takelung von hermaphrodite brigs (allgemeine Schiffstypbeschreibung).

Abschluss: Ein Leben zwischen zwei Welten

Die Geschichte von Peter Korb ist die Geschichte eines Mannes, der den Mut hatte, sein Leben neu zu beginnen. Geboren 1827 in Kettig, aufgewachsen in einer großen, vom Alltag der Landwirtschaft und des Handwerks geprägten Familie, trug er die Hoffnungen und Sorgen seiner Zeit in sich. Wie viele junge Menschen im Rheinland sah er in der Mitte des 19. Jahrhunderts kaum Perspektiven – und wie viele andere folgte er dem Ruf der Neuen Welt.

Seine Reise über den Atlantik im Frühjahr 1854, seine ersten Schritte in Michigan und Milwaukee, und schließlich sein Ankommen im Fond du Lac County erzählen von Entschlossenheit, Anpassungsfähigkeit und dem festen Willen, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Der Brief, den er 1855 nach Hause schrieb, zeigt einen Mann, der trotz aller Entbehrungen Zuversicht ausstrahlt und seine Familie in der Heimat nicht vergessen hat.

In Wisconsin gründete Peter eine große Familie, arbeitete als Wagenmacher, erwarb Land und wurde Teil einer deutsch‑amerikanischen Gemeinschaft, die den Mittleren Westen nachhaltig prägte. Seine Kinder und Enkel trugen seinen Namen weiter, und viele seiner Nachkommen leben bis heute in der Region.

Dass sein Grabstein das Geburtsjahr 1826 nennt und die Find‑a‑Grave‑Seite sogar 1822, zeigt, wie leicht sich Erinnerungen im Laufe der Generationen verschieben. Doch dank der Kettiger Kirchenbücher, seines eigenen Briefes und der überlieferten Familiengeschichte lässt sich sein Leben heute klar nachzeichnen:
Peter Korb wurde am 13. Mai 1827 geboren – und er starb am 4. September 1905 in Marytown, Wisconsin.

Sein Weg steht stellvertretend für viele Kettigerinnen und Kettiger, die im 19. Jahrhundert den Mut fanden, ihre Heimat zu verlassen und in der Ferne ein neues Kapitel aufzuschlagen.
Mit seiner Geschichte endet nicht nur eine Reise über den Atlantik, sondern auch ein Stück gelebter Verbindung zwischen Kettig und Amerika – ein Erbe, das bis heute nachwirkt.

🖋️ Autor Toni H.
Recherchen, Archivarbeit & Text
Kettiger Heimatkundler