Zusammehalt op de linke Rheinseit

Veröffentlicht am 21. August 2026 um 15:09

Weißenthurmer Kirmes, irgendwann Mitte der 1970er. Die Musik dröhnte aus den Boxen, der Autoscooter blitzte, und der Duft von gebrannten Mandeln mischte sich mit dem Geruch von Bier und Bratwurst. Toni stand am Rand des Festplatzes und unterhielt sich angeregt mit einem wirklich nicht unansehnlichen Mädel – so eine, bei der man automatisch ein bisschen gerader steht und versucht, besonders lässig zu wirken.

Mitten im Gespräch wurde sie plötzlich blass.
„Schnell weg… dahinten kommt mein Ex-Freund!“

Toni drehte sich um und sah ihn sofort: ein bulliger Typ aus Neuwied, begleitet von zwei Gestalten, die aussahen, als hätten sie Ärger im Blut. Von der anderen Rheinseite eben. Und dummerweise kannte Toni die drei schon – zwei Wochen vorher hatten sie im „Shalom“ in Neuwied fast Stress mit ihm angefangen. Damals ging’s um eine Lappalie. Heute ging’s um ein Mädchen.

Normalerweise hätte Toni sich an dieser Stelle unauffällig verkrümelt. Aber an diesem Abend hatte er ein, zwei Nette Edel-Pils zu viel erwischt – gerade genug, um Mut und Vernunft gründlich durcheinanderzubringen. Angst? Weggespült. Vorsicht? Ebenfalls. Und vor einem hübschen Mädel wollte man sich ja erst recht nicht blamieren.

Die drei Neuwieder kamen langsam näher, Schritt für Schritt, wie in einem schlechten Western. Toni blieb stehen, verschränkte die Arme und versuchte, möglichst unbeeindruckt auszusehen. Innerlich dachte er zwar: Joo, dat hätt jetz net zwingend sein müsse…, aber zurück konnte er nun auch nicht mehr.

Doch plötzlich – völlig unerwartet – blieben die drei stehen. Einer machte sogar einen halben Schritt zurück. Toni runzelte die Stirn.
„Wat issn jetz loss?“
Er fühlte sich auf einmal stark wie zwanzig Mann.

Nur: Die drei starrten gar nicht ihn an. Sondern an ihm vorbei.

Toni drehte sich um – und traute seinen Augen kaum. Hinter ihm stand ein ganzes Bataillon: mindestens ein Dutzend Kettiger, Weißenthurmer, Mülheimer – und sogar ein Kärlicher war dabei. Alles Jungs von der „richtigen“ Rheinseite. Schulter an Schulter, breitbeinig, entschlossen.

Gerold aus der Clique hatte die Situation bemerkt und sofort Alarm geschlagen.
„Do givt et glei en Schläjerei!“
Und wie ein Feuerwehrmann, der die Sirene hört, hatte er die halbe Umgebung zusammengetrommelt.

Unter ihnen auch einer seiner Arbeitskollegen – ein Metallbauer aus Weißenthurm, ein richtiger Hüne. Und der hatte noch zwei Brüder, die genauso aussahen, als könnten sie einen Laternenmast aus dem Boden ziehen, wenn’s sein müsste. Die drei waren bekannt für zwei Dinge: unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn und die Fähigkeit, Ärger sehr schnell zu beenden.

Die Neuwieder Schläger sahen das, überlegten kurz – und entschieden sich für die klügere Variante: Rückzug. Ohne ein Wort drehten sie ab und verschwanden zwischen den Buden.

Toni stand da, immer noch mit leicht geschwellter Brust, aber nun doch etwas kleinlaut. Die Jungs klopften ihm auf die Schulter, lachten, und einer meinte:
„Joo Toni… hätt och anners ausjien könne.“

Danach hatte Toni dank Gerold nie wieder Probleme mit den drei Halunken aus Neuwied. Die wussten nun, wie der Zusammenhalt auf der linken Rheinseite funktioniert.

Und das Mädel?
Nun ja – von der hat Toni sicherheitshalber trotzdem die Finger gelassen. „Manch Verzäll muss mer net zwomol han.“