Schwesternhaus Kettig Das Herz der Fürsorge, Bildung und gelebten Gemeinschaft (1911–1984)

Das Schwesternhaus in der Schnürstraße gehört zu den prägendsten Orten der Kettiger Dorfgeschichte. Über mehr als sechs Jahrzehnte war es Zentrum der Krankenpflege, Kinderbetreuung, Nähschule, Jugendpflege und ein Ort, an dem Fürsorge und Gemeinschaft täglich gelebt wurden. Seine Geschichte ist eng verwoben mit dem Wirken engagierter Ordensschwestern, dem Einsatz visionärer Pfarrer und der tiefen Verbundenheit der Dorfgemeinschaft.

Die Anfänge – Ein abbruchreifes Gehöft und eine große Idee

Im Jahr 1911 bot sich in der Schnürgasse eine seltene Gelegenheit: Das alte Haus der Witwe Kohl stand zum Verkauf. Pfarrer Eberhard Merkelbach, seit 1909 Seelsorger in Kettig, erkannte sofort die Chance. Sein Ziel war klar: eine Bewahrschule und ein Jugendheim im Ortskern, um Kindern und Familien einen geschützten Ort zu bieten.

Der Kirchenvorstand und der Gemeinderat stimmten zu. Für 2.400 Mark wurde das Gehöft gekauft, abgerissen und der Weg für einen Neubau frei gemacht. Maurermeister Wilhelm Hammer entwarf und errichtete das Gebäude – mit Weitblick: Schon damals wurden im Obergeschoss Wohnräume für mögliche Ordensschwestern eingeplant.

Die Bewahrschule – Ein Haus für Kinder, Jugend und Dorfleben

Bereits am 13. Oktober 1912 konnte die neue Bewahrschule eingeweiht werden. Sie war ein vielseitiges Gebäude, das mehrere Funktionen vereinte:

  • Saal für die Bewahrschule

  • Jugendvereinssaal, zugleich Probenraum des Kirchenchors

  • Sitzungsräume für Gemeinderat und Darlehnskasse

  • Volksbad, in dem Schulkinder einmal im Monat kostenlos baden konnten

  • Wohnräume für spätere Ordensschwestern

Die Gemeinde zahlte jährlich 400 Mark, damit Kinder das Volksbad nutzen konnten und der Gemeinderat den Saal erhielt. Die Bewahrschule war damit nicht nur ein Ort der Betreuung, sondern ein sozialer Mittelpunkt des Dorfes.

Der lange Weg zu den Schwestern – und der Durchbruch 1921

Pfarrer Merkelbach setzte sich früh dafür ein, Ordensschwestern nach Kettig zu holen. Doch seine Bitten an das Bischöfliche Ordinariat Trier blieben jahrelang erfolglos. Erst am 31. August 1920 kam die überraschende Genehmigung:

„…eine Niederlassung der Schwestern aus dem Mutterhause der Töchter des Göttlichen Heilandes in Wien… zur ambulanten Krankenpflege, Leitung der Bewahrschule und weiblichen Jugendpflege.“ — gez. Thilmann, Bischöfliches Generalvikariat Trier

Am 8. Mai 1921 war es so weit: Die ersten Schwestern – Martha und Helmina – wurden unter Glockengeläut, Blumenschmuck und großer Anteilnahme der Bevölkerung empfangen. Später folgten weitere Schwestern, darunter Richildis, Adelfine, Adolfe, Bernada, Primosa, Lucaria, Ursula, Ottilie, Nerina, Barnaba und Raphaela.

Das Schwesternhaus – Zentrum der Fürsorge

Die Schwestern wohnten zunächst in der Bewahrschule und übernahmen:

  • Krankenpflege im gesamten Dorf

  • Kinderbetreuung und Kindergartenleitung

  • Jugendpflege

  • Hauswirtschaftliche Unterstützung

  • Seelsorgerische Begleitung in schweren Zeiten

Besonders prägend war die Nähschule, die ab 1926/27 durch Sr. Adolfe und Sr. Adelfine aufgebaut wurde. Sie wurde weit über Kettig hinaus geschätzt – junge Mädchen und Mütter aus Nachbarorten kamen, um Schneidern und Nähen zu lernen.

Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau

Am 29. Dezember 1944 traf ein schweres Bombardement den Ortskern. Kirche, Schule und viele Häuser wurden beschädigt – auch das Schwesternhaus. Erst 1948 konnten die Schäden behoben und das Gebäude sogar um eine weitere Etage aufgestockt werden.

In den 1950er Jahren folgten weitere wichtige Schritte:

  • 1952: Genehmigung zur Einrichtung einer Hauskapelle

  • 1954: Anerkennung des Schwesternhauses als gemeinnützige Einrichtung

  • 1957: Einrichtung eines Heims für betagte Frauen im Dachgeschoss

Die Schwestern betreuten zeitweise über 200 Kranke, führten mehr als 2.000 Krankenbesuche im Jahr durch und kümmerten sich um steigende Kinderzahlen im Kindergarten.

Neubau und Wandel – Die 1960er und 1970er Jahre

Die staatlichen Auflagen für Kindergärten wurden strenger. 1959–61 wurde das Gebäude erweitert, u. a. um eine beheizbare Veranda. Doch der Platz reichte bald nicht mehr aus.

Unter Pfarrer Karl Seul wurde ein neues Areal „In der Pfütze“ gekauft. Am 28. Juni 1970 wurde die neue Kindertagesstätte eingeweiht – unter Leitung der beliebten Schwester Nerina.

Abschied nach 63 Jahren – Ein Dorf sagt Danke

Am 30. Juni 1984 verabschiedete Kettig die letzten beiden Schwestern – Adelfine und Barnaba – feierlich. Pastor Lothar Brucker, Bürgermeister Höfer, der Gemeinderat und alle Ortsvereine gestalteten den Abschied mit großer Wertschätzung.

Schwester Martha, die 1921 nach Kettig gekommen war, hatte 63 Jahre im Ort gewirkt – eine Lebensleistung, die bis heute tiefen Respekt genießt.

Am 1. Juni 1984 fuhren die Schwestern mit der Generaloberin zurück nach Wien. Mit ihrem Weggang endete eine Ära, die das Dorf über Generationen geprägt hatte.

Bedeutung für Kettig – Ein Ort der Erinnerung

Das Schwesternhaus war über Jahrzehnte:

  • ein Ort der Fürsorge,

  • ein Ort der Bildung,

  • ein Ort der Gemeinschaft,

  • ein Ort der Hoffnung in schweren Zeiten.

Viele Kettiger erinnern sich bis heute an die Schwestern – an ihre Strenge, ihre Gerechtigkeit, ihre Wärme und ihre Präsenz im Dorfleben.