Die Neugasse – Geschichte, Erinnerung und ein Blick durchs Fenster
Die Neugasse gehört zu jenen Straßen in Kettig, deren Name ein ganzes Kapitel Dorfgeschichte trägt. Als sie 1552 erstmals als „Neuongasse“ erwähnt wird, ist sie tatsächlich neu – ein sichtbares Zeichen dafür, dass das Dorf wächst, sich ausdehnt und Raum schafft für weitere Höfe, Häuser und Wege. Zwischen alten Strukturen entsteht ein frischer Zugang, der den Wandel markiert: unten ein Weg ins Offene, oben die Grenze des Dorfes am alten Befestigungsgraben, wo einst Wall und Wasser Schutz boten.
Mit den Jahrhunderten verliert die Gasse ihren „neuen“ Charakter und wird Teil des gewachsenen Ortsbildes, verwoben mit Generationen, Geschichten und Erinnerungen. Die alte Anekdote bringt es auf den Punkt:
„Neu war sie nur einmal – danach wurde sie so alt wie alles andere in Kettig.“
Ein Ölgemälde als Zeitfenster in die Neugasse
Besondere Bedeutung erhält die Neugasse durch ein Ölgemälde, das die Straße mit der Kirche im Hintergrund zeigt – ein Blick, der heute so nicht mehr existiert, aber im Bild bewahrt bleibt.
Das Gemälde basiert auf einem Foto von Dr. Franz Pohl, dem Vater von Georg Pohl. Dieses Foto diente dem Maler Gregor Baer als Vorlage; seine Signatur und das Jahr 1954 sind auf dem Bild erhalten. Das Original wurde von der Familie Offermann in Auftrag gegeben – ein privates Erinnerungsstück, das zugleich ein kulturhistorisches Dokument ist.
Links im Bild erkennt man das frühere Haus Kohl, heute das Anwesen Kaufung. Daneben steht die Scheune, die eine besondere Familiengeschichte trägt: Sie gehörte dem Ururgroßvater von Manfred Offermann. Das letzte Fenster im Wohnhaus war zwischen 1949 und 1955 das Zimmer des jungen Manfred – ein Detail, das dem Gemälde eine persönliche Tiefe verleiht.
So wird das Bild zu einem doppelten Zeitfenster: Es zeigt die Neugasse, wie sie einst war, und es bewahrt die Erinnerungen der Menschen, die dort lebten.
Die restaurierte Scheune – ein Balken erzählt
Die Scheune in der Neugasse, heute restauriert, trägt über dem Tor einen Balken mit der Initiale „JPK“ und der Jahreszahl 1838.
„JPK“ steht für Johann Peter Kohl – den Ur-Ur-Großvater von Manfred Offermann und zugleich den Ur-Ur-Großvater von Beatrix Kaufung, geb. Kohl.
Damit verbindet dieser Balken zwei Familien, die über Generationen hinweg in der Neugasse verwurzelt sind. Die Inschrift ist nicht nur ein handwerkliches Detail, sondern ein Stück Familien- und Dorfgeschichte, das die Kontinuität des Lebens in dieser Straße sichtbar macht.
Die Neugasse als Spiegel des Dorfwachstums
Die Neugasse zeigt exemplarisch, wie sich Kettig über die Jahrhunderte entwickelt hat:
-
neue Höfe und Häuser,
-
Wege, die sich ins Offene erweiterten,
-
Grenzen, die sich verschoben,
-
Familien, die über Generationen bleiben.
Sie ist ein Ort, an dem Historisches und Persönliches ineinandergreifen – vom Befestigungsgraben über die Ölgemälde-Perspektive bis zum Fenster eines Kinderzimmers in den frühen 1950er Jahren.