Ein Rundgang, der Kettigs Geschichte lebendig macht
Es war ein später Sommernachmittag, an dem Kettig ein kleines Stück seiner Seele öffnete. Knapp 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – Menschen aus allen Altersgruppen, alteingesessene Kettiger, Neubürger, Neugierige, Geschichtsfreunde – versammelten sich am Dorfplatz, um gemeinsam etwas Neues zu beginnen: den allerersten Dorfspaziergang der Heimatkundler.
Schon bevor der Rundgang startete, lag eine besondere Stimmung in der Luft. Nicht nur, weil die Sonne warm über Kirche und Bürgerhaus stand, sondern weil Erinnerung und Gegenwart sich plötzlich berührten.
Als Toni Hillesheim zur Begrüßung einen Marsch über einen Lautsprecher abspielte, war es, als würde das Dorf für einen Moment in die Vergangenheit zurückblenden.
Viele erkannten den Klang sofort: Früher schallte genau so ein Marsch über die fest installierte Lautsprecheranlage durchs ganze Dorf, wenn wichtige Mitteilungen aus dem Gemeindebüro verlesen wurden. Ein Ritual, das für viele Kettigerinnen und Kettiger zum Alltag gehörte – ein Ton, der Kindheit, Nachbarschaft und Dorfleben bedeutete.
Man sah es in den Gesichtern: Ein spontanes Lächeln, ein leises Staunen, ein „Weißt du noch…?“ Der Spaziergang hatte noch gar nicht begonnen, und doch war schon klar: Dieser Nachmittag würde mehr sein als eine Führung. Er würde ein gemeinsames Erinnern werden, ein Erzählen, ein Wiederentdecken. Ein Anfang, der sich sofort vertraut anfühlte.
1. St. Bartholomäus – Wo Kettigs Geschichte beginnt
Die Gruppe sammelt sich am Kirchplatz. Dann der erste Blick nach oben: der Turm, der seit Jahrhunderten über das Dorf wacht – ein Bild, das sofort klar macht, warum hier der richtige Ort für den Beginn des Rundgangs ist.
Den Auftakt machte Olli Hartmann, der mit viel Sachkenntnis die historischen Hintergründe der Kirche erläuterte. Über 1000 Jahre Dorfgeschichte, der frühere Burgstandort, die ersten Häuser rund um diesen zentralen Ort, die Entwicklung der Pfarrei – all das wurde greifbar, während die Gruppe rund um den Kirchplatz stand und den Erzählungen lauschte.
Man spürt sofort: Hier beginnt der Spaziergang nicht nur räumlich, sondern auch im Herzen des Dorfes.
2. Die Grotte – Ein stiller Ort der Andacht
Nur wenige Schritte weiter öffnet sich die kleine Lourdes‑Grotte – ein Ort, den viele im Alltag übersehen. Heute bleibt die Gruppe stehen. Ein kurzer Moment der Ruhe entsteht, ein Platz, der mehr sagt als Worte: gelebte Tradition, stille Andacht, Dorfgefühl.
Hier übernimmt Petra Gies‑Moskopp. Mit eindrucksvoller Klarheit erklärt sie, warum solche Grotten Anfang des 20. Jahrhunderts zum religiösen Rheinland gehörten. Sie spricht über die tief verwurzelte Alltagsfrömmigkeit dieser Zeit, über die Sehnsucht nach Orten der Nähe und des Trostes, und darüber, wie diese kleinen Grotten für viele Menschen ein Stück Lourdes ins eigene Dorf holten.
Durch ihre Worte wird der stille Ort lebendig. Man spürt, wie Geschichte, Glaube und Dorfleben sich hier über Jahrzehnte miteinander verflochten haben. Ein Platz, der nicht laut ist – aber viel erzählt, wenn man stehen bleibt und zuhört.
3. Grabkreuze – Erinnerung in Stein
Andreas Gies führte durch die Geschichte der alten Grabkreuze. Einige stehen vermutlich noch an ihrem ursprünglichen Platz, viele wurden jedoch im Zuge der Umgestaltung des Kirchumfelds und der Verlagerung der Begräbnisstätten außerhalb des Ortes umgesetzt. Die teils symmetrischen Gruppierungen verraten diese Umstellungen.
Unter den Kreuzen liegt heute niemand der dort eingemeißelten Namen. Knochenfunde aus den Arbeiten wurden in Gebeinkisten allerdings hier neu beigesetzt.
Ein herzliches Dankeschön an Petra und Andreas, die sich aktiv in der Pfarrgemeinde einbringen und diesen geschichtsträchtigen Teil des Rundgangs bereichert haben.
4. Neugasse – Zwei Arme, viele Geschichten
Die Neugasse ist eine Gasse, die man leicht unterschätzt. Wer sie betritt, merkt schnell: Sie ist zweigeteilt, zwei kurze Arme, die sich wie ein kleines „Y“ durch den alten Dorfkern ziehen. Beide enden als Sackgasse – und doch führt einer dieser Arme weiter, hinein ins Grabengässchen, das wie ein schmaler Faden die Häuser miteinander verbindet.
Früher lag die Neugasse am Rand des historischen Dorfes, ein Zeichen dafür, dass Kettig wuchs und neue Wege brauchte. Heute wirkt sie ruhig, fast bescheiden. Aber wer hier steht, spürt den Wandel: alte Mauern, neue Häuser, Geschichten, die sich zwischen den beiden Gassenarmen verzweigen.
Genau hier sorgte Manfred Offermann mit seiner herzlichen Art für einige Lacher. Er zeigte ein Ölgemälde seiner Familie, erzählte, wo er früher wohnte, und berichtete von der Scheune seines Urgroßvaters – die er und andere Kinder trotz Verbots zum Spielplatz umfunktionierten. Seine Erzählungen ließen die Neugasse für einen Moment so lebendig werden, wie sie früher war.
Im Hof von Monika Rechenbach konnten die Besucher zudem Kettiger Wandkalender mit historischen Fotografien bestaunen – kleine Zeitfenster in alte Tage, die den Rundgang um weitere Erinnerungen bereicherten.
Dann ergänzte Gabriele Kohns, Vermieterin der Gästehäuser Festung zu Ketghe, eine besondere Anekdote: Zum fünfjährigen Bestehen der Gästehäuser erhielt sie von Gerd Elingshäuser eine Urkunde, in der der Ursprung der Neugasse ausführlich beschrieben wurde.
Eine mögliche Erklärung, die Gerd darin festhielt: Am Ende der Gasse stand einst ein Wehrturm. Beim Wachwechsel soll gerufen worden sein: „Die Neue komme!“ So könnte die Neugasse die Gasse gewesen sein, durch die „die Neuen“ kamen – ein Name, der nicht nur geografisch, sondern auch historisch Sinn ergibt.
So verband sich an diesem Nachmittag das, was die Neugasse ausmacht: Geschichte, Erinnerung, Humor und ein Hauch von Abenteuer aus Kindertagen.
5. Grabengässchen – Das Netz der alten Wege
Ein schmaler Durchgang – und doch voller Vergangenheit. Früher auch Teil der Wasserführung, später ein Arbeitsweg zwischen den Häusern. Die Heimatkundler erzählten von alten Gräben, kleinen Nebengassen und dem Netz, das das Dorf einst durchzog. Ein Geflecht aus Wegen, das den alten Ortskern wie Adern durchzieht und bis heute sichtbar ist, wenn man weiß, wo man hinschauen muss.
Mit viel Witz und anschaulichen Beispielen erklärte Manfred Schmorleitz die Herkunft des Grabengässchens – oder besser: des ganzen Systems solcher Gassen rund um den historischen Kern Kettigs. Er zeigte, wie diese Wege einst funktional waren, später zu Durchläufen wurden und heute für viele Kettiger Kinder sichere Schulwege und tägliche Begleiter sind.
So wurde das Grabengässchen an diesem Nachmittag nicht nur ein historischer Ort, sondern ein lebendiges Stück Dorfalltag – damals wie heute.
6. Zehntplatz – Das verschwundene Wirtschaftszentrum
Auch wenn der Zehntplatz in seiner ursprünglichen Form kaum noch erkennbar ist, brachte Norbert Hillesheim den Ort wieder zum Sprechen. Nur eine Infotafel erinnert heute daran, dass hier einst gewogen, gemessen, gehandelt und gestritten wurde – doch in den Erzählungen wurde die Geschichte wieder laut.
Wagen, Säcke, Fässer, Messgewichte – all das wurde lebendig, als Norbert schilderte, wie die Bauern über Jahrhunderte ihren Zehnten hier ablieferten. Der Platz war Umschlagpunkt für Getreide, Obst, Wein und Handwerkswaren, ein zentraler Ort der Dorfwirtschaft, an dem Alltag, Pflicht und Gemeinschaft zusammenkamen.
Mit der französischen Zeit endete das Zehntsystem, doch die Bedeutung des Ortes bleibt ein wesentlicher Teil der Kettiger Geschichte. Und so stand die Gruppe an einem Platz, der heute unscheinbar wirkt, aber einst das wirtschaftliche Herz des Dorfes war.
8. Schnürgasse – Schwesterhaus und Erinnerungen
Die Schnürstraße ist eine der geschichtsträchtigsten Gassen Kettigs. Ihr ältester Name – Schnügasse – erinnert an ein Handwerk, das hier im 17. Jahrhundert das Straßenbild prägte. Die Seiler arbeiteten auf langen, geraden Arbeitsplätzen, die sich wie Linien durch die schmale Gasse zogen. Ihre Seile wurden für Rheinschiffe, Lasten und den Handel gebraucht – Hanfgeruch, Pech und das rhythmische Ziehen der Fasern gehörten damals zum Alltag dieser Straße.
Später prägte ein anderer Ort die Gasse: das Schwesterhaus, das von 1912 bis 1984 das Dorfleben maßgeblich beeinflusste. Bewahrschule, Kindergarten, Krankenpflege, Nähschule, Jugendarbeit – ein Haus, das Generationen begleitet hat.
Hier übernahm Michael Kohl und erinnerte an die Geschichte der Straße und des Schwesterhauses. Viele der Anwesenden waren hier selbst im Kindergarten und erzählten lebhaft von den Schwestern, die über Jahrzehnte wirkten. Besonders präsent war die Erinnerung an Schwester Barnaba, die für viele eine liebe Bezugsperson ihrer frühen Jahre war.
So wurde in der Schnürstraße an diesem Nachmittag sichtbar, wie sich Handwerk, Glaube, Fürsorge und Kindheitserinnerungen über Jahrhunderte miteinander verflochten haben. Eine Gasse, die nicht nur eng ist – sondern voll von Geschichten.
9. Bachstraße – Synagoge und Pfarrhaus
An der Stelle der früheren Synagoge erzählte Marita Rausch vom jüdischen Leben in Kettig und den Familien, die hier einst lebten.
Zwischen 1885 und 1890 erbaut, später Lagerraum, 1976 abgerissen. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde wird eindrucksvoll lebendig – von ihren Anfängen im 16. Jahrhundert bis zu den Schicksalen der Familien im 20. Jahrhundert. Besonders berührend: die Stolpersteine der Familie Veit am Godilda‑Platz.
Danach erklärte Monika Rechenbach einiges zur Bachstraße und zum alten Pfarrhaus – von dem heute nur noch ein kleines Nebengebäude erhalten ist.
Ein Gebäude, das über Jahrhunderte geistliches Zentrum war. Berichte aus dem 17. und 19. Jahrhundert zeigten, wie marode das Haus zeitweise war – bis Pfarrer Kraft 1828 den Einzug verweigerte. Das kunstvolle Schmiedetor daneben sorgte für Staunen: ein seltenes Stück Kettiger Handwerkskunst.
10. Moosgasse – Feuchte Böden und neue Wohnräume
Irene Klein erläuterte ausführlich die Herkunft des Namens Moosgasse und die Bedeutung des feuchten Bodens, der ihr den Namen gab. Am Ende der Gasse konnte die Gruppe eine schön renovierte alte Scheune bestaunen, die samt Nebengebäude zu modernem Wohnraum umgebaut wurde.
Die Moosgasse ist klein, still, unscheinbar – und doch voller Geschichte. Ihr Name stammt vom feuchten, moosigen Boden nahe des Bachs. Ein kurzer Halt, der zeigt: Auch kleine Gassen erzählen große Geschichten.
11. Dobenstraße – Vom Böttcherhandwerk zum Abschluss
Ein paar Worte zur Herkunft des Namens Dobenstraße rundeten den historischen Teil ab – bevor es zum Abschluss weiterging.
Die Dobenstraße – früher Daubengasse – war das Reich der Böttcher. Hier entstanden die Dauben, die Holzstaves für Fässer. Ein Handwerk, das Wein, Handel und Vorratshaltung erst möglich machte.
12. Café Tante Miesche – Abschluss mit Dorfgefühl
Der allererste Kettiger Dorfspaziergang der Kettiger Heimatkundler endete an einem Ort, der wie ein kleines Stück Dorfseele wirkt: Café Tante Miesche. Auch wenn die Türen an diesem Nachmittag geschlossen waren, blieb die Gruppe stehen – fast selbstverständlich, als würde der Ort sagen: Kommt ruhig näher, auch wenn ich gerade ruhe.
Man konnte den liebevoll restaurierten Innenhof betrachten, die Details am Gebäude, die Atmosphäre, die selbst durch Glas spürbar bleibt. Es war ein Abschluss ohne Kaffee, aber mit einem Gefühl von Zuhause. Menschen erzählten Erinnerungen, zeigten einander kleine Besonderheiten, die man sonst übersieht, und ließen den Rundgang langsam ausklingen.
Hier erzählte Toni Hillesheim einige Anekdoten zum Gebäude und zu seiner Großtante Miesche, während alle den von Jürgen Hillesheim mit viel Hingabe restaurierten Innenhof bestaunten. So wurde der erste Dorfspaziergang nicht nur ein Weg durch Kettig, sondern ein Moment, der zeigte: Manchmal öffnet ein Ort auch dann sein Herz, wenn eine Tür geschlossen ist.
Fazit: Ein Anfang, der bleibt
Der allererste Kettiger Dorfspaziergang war noch kein traditionsreicher Rundgang – er war der Beginn einer Tradition. Ein Nachmittag, an dem Menschen stehen blieben, hinhörten, hinschauten und merkten, wie viel Geschichte in ihrem Dorf steckt. Gassen, die man täglich passiert, erzählten plötzlich. Orte, die man kennt, öffneten sich neu. Und selbst dort, wo die Türen geschlossen waren – wie bei Tante Miesche – blieb das Gefühl, willkommen zu sein.
Dieser erste Spaziergang hat gezeigt, wie lebendig ein Dorf wird, wenn man ihm Zeit schenkt. Wie Erinnerungen entstehen, wenn Menschen gemeinsam unterwegs sind. Und wie viel Zukunft in einem Moment steckt, der eigentlich nur ein Anfang sein sollte.
Kettig hat an diesem Tag nicht nur seine Geschichte gezeigt. Es hat einen Weg eröffnet, den viele weitergehen wollen.
🖋️ Autor Toni H.
Fotos: Toni H., Olli H., Marita R.
Kettiger Heimatkundler
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