Früher gab es keinen Sperrmüll. Alles, was irgendwo herumlag, wurde gesammelt, gestapelt, gehortet und weiterverwertet. Holz war kein Abfall, sondern ein Schatz: Heizmaterial, Werkzeug, Baustoff – und vor allem die Grundlage für den Martinsberg.
Der Martinsberg war kein spontaner Haufen, sondern ein Projekt, das sich über Wochen zog und das ganze Dorf beschäftigte. Jedes Brett, jede Palette, jeder alte Zaun wurde sorgfältig herangeschafft. Das gute Holz wanderte in den Ofen, das brauchbare Holz auf den Haufen, und das fragwürdige Holz wurde trotzdem mitgenommen, weil einer immer sagte: „Dat brennt schon.“
Doch der wahre Nervenkitzel begann erst, wenn es dunkel wurde.
Denn jeder wusste: Wenn man den Martinsberg nicht bewacht, kommen die aus Kärlich oder Weißenthurm und zünden das Ding schon vor St. Martin an.
Also standen die Jungs nachts Wache – mit Taschenlampen, Thermoskanne und dem festen Willen, den Haufen zu verteidigen wie eine Burg. Der Martinsberg war ihr Werk, ihr Stolz, ihr Statement.
Manchmal war die Nacht ruhig. Manchmal raschelte es im Gebüsch. Manchmal war es nur eine Katze. Und manchmal war es wirklich jemand aus dem Nachbardorf, der dachte, er könnte den Haufen „mal eben“ vorab abfackeln.
Dann wurde geflüstert, gerannt, geschimpft, gelacht – und der Martinsberg blieb stehen, bis St. Martin kam.
Der Martinsberg war kein Feuer. Er war ein Stück Dorfstolz. Und wer ihn bewachte, gehörte für immer zur Legende.